Österreich hat eine Staatsanleihe herausgegeben. Das ist an und für sich nichts Ungewöhnliches. Was überrascht ist die Laufzeit. Und so titelte DIE WELT “100-Jahre-Anleihe: Österreich treibt den Zinswahnsinn in Europa auf die Spitze.” Und n-tv setzte gleich noch eins drauf mit “Österreich bietet bizarren Schuldschein an“.

Dabei haben andere Länder und Unternehmen es schon vorgemacht. Die Nachfrage war und ist enorm: für die ausgegebenen 3,5 Milliarden Euro gab es 11,5 Milliarden Euro hohe Kaufabsichten. Woher der Boom? Denn besonders hoch sind die Zinsen von 2 Prozent nicht. Und das Ende der Laufzeit wird kaum jemand selber erleben.

Nullzins und Anlageprobleme

Wohin mit dem Geld, fragen sich viele institutionelle Investoren angesichts der anhaltend niedrigen Zinsen. Im Vergleich zu Null erscheint eine 2,0 oder 2,1 als großer Gewinn. Pensionsfonds müssen schon satzungsgemäß in sichere Anleihen investieren. Aber auch für andere Unternehmen, die langfristige Verpflichtungen haben, ist diese Anlageform durchaus interessant.

Anleihe statt Aktie

Was sind überhaupt Anleihen? Einfache Antwort: Schuldscheine. Ich leihe jemandem Geld zu einem festen Zinssatz auf eine festgelegte Zeit. Nach dieser Zeit bekomme ich das Geld garantiert, inklusive der Zinsen, zurück. Egal, wie sich der Marktzins oder die Wirtschaft entwickelt haben. Klingt ganz solide, oder? So kann ich wiederum meinen Gläubigern oder Pensionsempfängern oder Investoren glaubhaft versichern, dass ich in der Lage bin, meinen Verpflichtungen ihnen gegenüber nachzukommen.

Wehe, wehe, wenn die Zinsen steigen …

Österreich setzt bei dem Konstrukt auf langfristig niedrige Zinsen – also 100 Jahre Draghi-Politik und stagnierende Konjunkturentwicklung. Denkt man zumindest. Oder will es sich schnell noch zu niedrigem Zinsversprechen langfristig Kapital sichern? Ein Schelm, wer hier Böses denkt.

Aus Sicht der Investoren ist die Anlage in 100-jährige Anleihen ein Vabanquespiel. Denn es muss Österreich in 100 Jahren in der aktuellen Form und Verfassung noch geben. Und es muss eines der reichsten Länder in Europa bleiben, damit die Schulden aus der Anleihe beglichen werden können. Immerhin ist Österreich in den letzten 100 Jahren zweimal bankrott gegangen. Und das passiert immer wieder. So auch in Argentinien. Das Land ließ seine Schuldner 2001 auf über 50 Prozent des Wertes der Staatsanleihen verzichten. Sonst wäre es zu gar keiner Auszahlung gekommen.

 

Weitere Ausgeber von Hundertjährigen sind:

Dornröschen x 10

Wer über die Langfristigkeit der Hundertjährigen staunt oder den Kopf in Unglauben schüttelt, dem sei gesagt: Das ist ja alles nur ein Wimpernschlag gegenüber der 1000-jährigen Anleihe der Canadian Pacific Corporation. Diese wird erst 2883 n. Chr. fällig. Keine Eintagsfliege: Auch die Safra Republic Holdings S.A., der sechs europäische Niederlassungen der Republic National Bank of New York gehörten, hat erst 1997, also mehr als 100 Jahre später, auf 1.000 Jahre Stabilität gesetzt. Den Kanadiern könnte man ja noch eine gewisse Naivität und Vertrauen in den Fortschritt zugute halten, Safra jedoch wurde bereits 1999 an HSBC verkauft. Wer weiß. was aus den Ansprüchen aus der Anleihe geworden ist…

 

Titeelbild: ©tomertu/Fotolia

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