Nach Stimmen aus Konzernen und dem Blick über die Landesgrenzen hinaus, zieht Felix Anthonj für den vierten Teil seiner Interview-Reihe eine neue Perspektive hinzu: Die des Investors. Dazu sprach er in der Mainmetropole Frankfurt mit dem Business Angel Torsten Müller. Er hat bisher zahlreiche Investments im Bereich InsurTech getätigt. Wie beurteilt er die Entwicklung des digitalen Versicherungsvertriebs in Deutschland?

Eine klare Ansage

„Ich glaube der Vertrieb wird sich maßgeblich verändern“, erklärt Müller direkt zu Beginn des Gesprächs. Dabei werde das Thema künstliche Intelligenz eine maßgebliche Rolle spielen. Auch, wenn es aktuell sehr „überstrapaziert“ sei. Mit der Branche geht er hart ins Gericht: „Vertriebsstrukturen sind in keinem Fall digital, nicht nahe genug am Kunden und zu teuer.“ Trotzdem spricht er den Entscheidern eine zunehmende Sensibilisierung für die aktuelle Entwicklung zu.

Torsten Müller
Torsten Müller

Ist neu immer besser?

Die viel geäußerte These, dass die Vorstände einen Generationenwechsel einläuten müssten, kann er aber nur zum Teil unterstützen. Der Ansatz sei „ein bisschen zu pauschal“, zumal eine Verjüngung bereits partiell stattgefunden habe. Aber ganz lossagen kann der Investor sich dann dennoch nicht: „Intuitiv würde ich sagen: Umso jünger, umso besser, wenn es um das Thema Digitalisierung geht“.

Großer Nachholbedarf

Das Hauptproblem, das Müller dem deutschen Versicherungsvertrieb attestiert, ist eindeutig: Ein mangelnder Kundenfokus. Für ihn ist die Diskrepanz zwischen bestehenden Strukturen und den Bedürfnissen des Kunden deutlich zu groß. Da hakt Anthonj ein: Ob sich Versicherer es leisten könnten, keine großen Umwälzungen vorzunehmen, da es ihnen einfach zu gut gehe, will er von Müller wissen. „Ich glaube, dass noch nicht bei allen Druck entstanden ist. Aber für mich wäre es zu kurz gegriffen zu sagen, ‚wir müssen nichts verändern‘“, gibt Torsten Müller zu bedenken.

Effizienzdruck steigt

Da er einen großen Kostenblock in den Bilanzen der meisten Versicherer ausmache, müsse der Vertrieb seine Effizienz deutlich steigern. „Das ist der Hebel, an dem sich relativ leicht ansetzen lässt. Gerade im Niedrigzins- und Digitalisierungsumfeld“, erklärt der Investor mit Bankvergangenheit. Ein Weg zum Erfolg: Die Digitalisierung der Beratung. Dabei sei insbesondere der Video-Chat perspektivisch interessant. Daher könne Müller sich auch vorstellen, selbst Versicherungsberatung über diesen Kanal in Anspruch zu nehmen.

Der Aufstand der Zwerge?

Und wie geht es in Zukunft weiter? Auf der strategischen Ebene sieht Müller aktuell ein großes Opportunitätsfenster für mittelgroße Versicherer. Denn neue technologische Entwicklungen liefern aus seiner Sicht wichtige Hilfsmittel, um die Rangfolge innerhalb der Branche umzukrempeln. Wie genau ihnen das gelingen kann, welcher Digitalisierungsansatz für Versicherer der Beste ist und wo die Branche in fünf bis zehn Jahren steht, dazu mehr im kompletten Interview mit Torsten Müller.

Torsten Müller
Torsten Müller ist als Investor vorrangig in der InsurTech-Szene tätig. Der Business Angel verfügt über 25 Jahre Erfahrung im Bankensektor. Unter anderem bei der Helaba und zuletzt als Bereichsleiter für Non-Banking Financial Institutions bei der Commerzbank.
Felix Anthonj
Felix Anthonj ist Gründer und Geschäftsführer der flexperto GmbH, einem Berliner Software-as-a-Service Unternehmen, welches sich zum Ziel gesetzt hat, Unternehmen bei der digitalen Transformation ihrer Vertriebs- und Beratungsprozesse zu unterstützen. Mit dem jährlichen Fachkongress Digisurance bietet Flexperto Vertretern der traditionellen Branche und der InsurTech-Landschaft eine Plattform für Austausch und die Präsentation gemeinsamer Projekte.

Titelbild: ©Flexperto; Beitragsbild: ©Torsten Müller

2 KOMMENTARE

Ihre Meinung zu diesem Beitrag?

Please enter your comment!
Please enter your name here