Es war bisher stets die einfachste Lösung für europäische Banken: Sie parkten ihre über das Jahr angesammelten Überschüsse bei der EZB. Schließlich gab es bis Juli 2012 zumindest noch 0,25 Prozent Zinsen für die Anlage. Diese wurden in der Folge erst auf null Prozent gesenkt, bis sie im Juni 2014 erstmals mit 0,10 Prozent im Minus lagen und mittlerweile sogar bei minus 0,40 Prozent angekommen sind. Und dennoch legen Banken ihre Überschüsse noch immer lieber dort an, anstatt sie in Form von Krediten zu verleihen. Banken zahlen also seit nunmehr drei Jahren dafür, dass sie ihre Überschussreserven bei der EZB parken, anstatt sie in die eigene Volkswirtschaft zu investieren. Allein im vergangenen Jahr beliefen sich die gezahlten Zinsen auf 3,6 Milliarden Euro, so die Nachrichtenagentur Bloomberg. Warum?

Ziel der Geldpolitik verfehlt?

Banken sollen mit ihren Überschüssen vermehrt die eigene Volkswirtschaft ankurbeln, so die Vorstellung von Mario Draghi und der Europäischen Zentralbank. Doch wirklich erfolgreich war diese Strategie bisher nicht. Zwar wurde dadurch der Kredit-Rückgang vorerst gestoppt. Noch vor der Nullzinsphase sind Kredite an Unternehmen (ohne Finanzsektor) und an private Haushalte um 5,2 Prozent zurückgegangen. 2015 sind sie bereits um 0,5 Prozent gestiegen, im Jahr darauf um 1,4 Prozent. Eine Verbesserung ist klar zu erkennen. Zu niedrig ist sie jedoch nach Meinung von Finanzexperten.

Dass Banken ihre Überschüsse noch immer vermehrt bei der EZB parken, zeigen auch diese Zahlen mehr als eindrucksvoll: Um 802 Milliarden Euro sind die Einlagen bei Banken aus dem Euro-Raum seit Juni 2014 nach oben geklettert. Ausleihungen an Unternehmen außerhalb des Finanzsektors oder Verbraucher im Euro-Raum sind um 169 Milliarden Euro gestiegen. Im Vergleich dazu sind Einlagen bei der EZB hingegen, die über die erforderlichen Reserven hinausgehen, noch weitaus stärker angewachsen: sie haben sogar um 1,1 Billionen Euro zugelegt.

Verschiedene Entwicklungen: Probleme der Euro-Einzelstaaten

Im Euro-Raum ist ein klarer Schnitt zu erkennen. Der Süden, der bekanntlich stärker von Banken- und Staatsschuldenkrisen betroffen ist, hat mit Problemen auf der Angebotsseite zu kämpfen. Banken sind oft nicht in der Lage Kredite zu gewähren. Anders sieht es im mittel- und nordeuropäischen Raum aus. „Es handelt sich um Probleme der Nachfrageseite in den skandinavischen Ländern, Deutschland, Österreich und den Niederlanden“, so Jan Schildbach, Leiter Analyse für Banken- und Finanzmärkte bei der Deutschen Bank in Frankfurt.

Auch eine monatliche Umfrage des ifo Instituts im Rahmen des ifo Konjunkturtests zeigt, dass nur 14,5 Prozent der befragten deutschen Unternehmen in der gewerblichen Wirtschaft mit einer restriktiven Kreditvergabe der Banken zu kämpfen hatten. Das macht erneut deutlich: Ein einheitlicher Euro-Raum beziehungsweise eine europäische Volkswirtschaft, wie sie die EZB mit ihrer Geldpolitik vorsieht, kann derzeit nicht umgesetzt werden.

Hilfe kommt nicht an

Ein weiteres Problem stellt das wachsende Ungleichgewicht zwischen den Forderungen und Verbindlichkeiten dar, die nationale Zentralbanken gegenüber einander haben. Ein von der EZB initiiertes Anleihekaufprogramm (Quantitative Easing, QE) konnte die anhaltenden Kapitalabflüsse aus Peripheriestaaten nicht stoppen. Das Ziel von QE war eine Verbesserung des Zugangs zu Krediten in der Realwirtschaft. Doch das Geld kommt nicht bei den Ländern an, deren Banken noch immer mit notleidenden Krediten zu kämpfen haben und deshalb weiterhin nicht in der Lage sind, Kredite zu vergeben.

„Das bedeutet, dass eine deutsche Bank oder ein Fonds, die im Rahmen des QE-Programms italienische Staatsanleihen an die EZB verkaufen, die Mittel nicht zurück nach Italien fließen lassen“, so Guntram Wolff, Direktor des Brüsselers Forschungsinstituts Bruegel. Das Geld landet also wiederum im eigenen Überschuss-Topf, der bei der EZB lagert, anstatt die europäische Volkswirtschaft anzukurbeln und die Kreditvergabe in schwachen Euroländern zu verbessern.

Titelbild: © peshkov/Fotolia

Ihre Meinung zu diesem Beitrag?

Please enter your comment!
Please enter your name here