Ach, wie nett, meine AOK Nordost zahlt mir einen Euro, wenn ich mehr als 10 000 Schritte am Tag mache. Oder wenn ich meinen Puls 30 Minuten lang auf über 110 treibe. Auch wenn ich innerhalb einer halben Stunde 150 Kilokalorien verbrenne, werde ich belohnt. Ist das nicht eine schöne Win-win-Situation für uns beide, meine AOK und mich? Ich verhalte mich gesundheitsbewusst und verursache weniger Krankenkosten, die AOK zeigt sich im Gegenzug großzügig. Das bisschen Überwachung, das es dazu braucht, übernimmt eine App.
Geld gegen Daten, das ist die neue Währung. Dabei geht es nicht nur um Gesundheit. Auch Autofahrer werden belohnt, wenn sie brav sind. Wie bei der Allianz, die erstmals einen Telematik-Tarif anbietet, der vorsichtiges Fahren belohnt. Bis zu 40 Prozent der Beiträge sollen sich damit sparen lassen. Man braucht sich nur ein kleines Überwachungskästchen ins Auto einbauen zu lassen.

Sind die noch dicht? Wenn die Wasserleitung leckt

Der Phantasie sind kaum Grenzen gesetzt. Warum nicht die Wasserleitung ans Internet anschließen, um vor undichten Rohren zu warnen? Klingt absurd, ist aber bald schon Wirklichkeit. Denn der Axa-Konzern testet gemeinsam mit RWE ein Steuerungsgerät, das Alarm schlägt, wenn eine Wasserleitung leckt. Für Immobilienbesitzer gibt es dann einen Rabatt auf die Wohngebäudeversicherung.

Das Prinzip ist immer gleich. Wer bereit ist, einen mehr oder weniger großen Teil seines Lebens überwachen zu lassen, spart Geld. Deshalb ist bei den neuen Tarifen oft von Spartarifen die Rede. Die Angebote wenden sich an eine Kundschaft, die sich keine Sorgen macht, eigene Daten zu offenbaren. In den sozialen Netzwerken wird das Privatleben ausgebreitet. Mittels einer Lauf-App wird das Bewegungsprofil mit der ganzen Welt geteilt. Datenschutz, wozu soll das gut sein?

Ist Big Data die harmlose Schwester von Big Brother?

Auf der Gegenseite formieren sich Verbraucherschützer. Überwachung und Bevormundung lauten die Vorwürfe. Oder Zwei-Klassen-Tarife. Denn wer krank ist, kann sich schlecht attraktive Boni verdienen. Zahlen also Kranke zukünftig drauf bei ihrer Krankenkasse? Und was ist, wenn aus der anfangs freiwilligen Teilnahme eine Pflicht wird? Drohen uns schließlich eine „Schöne neue Welt“ und die Überwachung durch Big Brother? Ist Big Data – das Sammeln großer Datenmengen und ihre Auswertung – bloß die harmlose kleine Schwester, die schon mal vorausgeschickt wird?

Großer Bruder Facebook

Doch es geht nicht nur im Versicherungen. Der große Bruder Facebook ist im Besitz eines aufschlussreichen Patents. Es soll Banken ermöglichen, die Kreditwürdigkeit von Facebook-Nutzern anhand ihres Freundeskreises zu bewerten. Nach dem Motto: Sage mir, wer deine Freunde sind und deine Bank sagt dir, ob du einen Kredit wert bist.
Wie so oft sind uns die USA voraus. Dort werden Daten offen gehandelt. Laut einer Studie der OECD ist das Geburtsdatum eines Bürgers zwei Dollar wert. Informationen zur Bonität kosten neun Dollar. Und auch das ist üblich: Stellenbewerber werden aufgefordert, ihr Facebook-Passwort zu verraten.
Wer sich bisher wenig um seine Daten scherte – „was kann man schon damit anfangen?“ – sollte sich vielleicht so langsam Gedanken machen.

Titelbild: © Robert Kneschke

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