Die Versicherungsbranche befindet sich im Umbruch. Einen großen Anteil an dieser Entwicklung haben natürlich die Startups, die mittlerweile ein neues Reifestadium erreicht haben. Längst haben sie die Nischen gefunden, in denen sie erfolgreich sind. Sie bieten Versicherern effizientere Prozesse und sparen so Zeit und Geld. Beispielsweise das Hamburger Unternehmen Nect. Was genau Nect macht, wie die Zusammenarbeit mit den traditionellen Playern funktioniert und welche Herausforderungen Startups in der Branche überwinden müssen, erklärt uns Benny Jürgens im Interview. Er ist CEO und Gründer von Nect.

Redaktion: Benny, Du bist CEO und Mitgründer von Nect. Kannst du einmal für alle, die Euch noch nicht kennen, zum Einstieg kurz erklären, was Ihr genau macht?
Benny Jürgens, CEO und Gründer von Nect

Benny Jürgens: Gerne. Wir haben eine Lösung zur Identitätsbestätigung natürlicher Personen für beispielsweise Banken, Versicherungen und andere regulierte Unternehmen entwickelt. Die Besonderheit unserer Lösung ist, dass wir das Video-Ident-Verfahren automatisiert haben. Die Identifizierung wird durch eine künstliche Intelligenz anstelle eines Service-Center Agenten durchgeführt. Das ist sicher, nutzerfreundlich und kostengünstig.

Redaktion: Es gab schon vor Euch Verfahren zur Identitätsfeststellung. Warum wart ihr euch damals, als ihr gegründet habt, so sicher, dass es hier ein neues Verfahren braucht, mit dem ihr auch erfolgreich sein werdet?

Benny Jürgens: Ich habe es aus meiner Tätigkeit als technischer Leiter der App-Entwicklung für ein Versicherungsunternehmen gesehen, dass das Thema Identitätsbestätigung im Fernkanal oder im digitalen Kanal einfach noch nicht zufriedenstellend gelöst ist. Das Problem von den ganz typischen Verfahren, etwa irgendwelche Aktivierungscodes per Briefpost zu verschicken, ist natürlich der krasse Medienbruch. Soll heißen: Ich muss entweder eine Postfiliale besuchen oder tagelang auf einen Brief warten. Beim Video-Ident ist es so, dass mittlerweile durch die Callcenter-Strukturen sehr lange Wartezeiten entstehen. Diese Wartezeiten führen dazu, dass bis zu 70% der Nutzer vorzeitig abbrechen.

Redaktion: Wie sollte es stattdessen sein?

Benny Jürgens: Der Nutzer ist in seiner täglichen Nutzung gewöhnt, dass er für die Nutzung maximal eine E-Mail-Adresse angeben und ein Passwort wählen muss. Bei Versicherungen und Banken fordert der Gesetzgeber aber, dass die Identität des Nutzers festgestellt wurde. Dies ist auch gut und wichtig und der Nutzer kann das verstehen. Nichtsdestotrotz hat der Nutzer keine Geduld und so muss der Prozess der Identitätsbestätigung schnell und vor allem ohne Wartezeiten durchführbar sein. Dies ist mit einem Video-Ident nicht darstellbar. Unsere künstliche Intelligenz arbeitet immer, sofort und mit übermenschlicher Genauigkeit.

Natürlich könnte man jetzt den nPA (Anm.d.Red. der neue elektronische Personalausweis) als Lösung sehen, weil der ja im Prinzip auch sofort verfügbar ist. Aber das Problem ist da hier, dass die Verbreitung noch viel zu gering ist. Umfragen zufolge benutzen nur sieben oder acht Prozent der Bundesbürger diesen Personalausweis. Und auf der anderen Seite gibt es bei den meisten Unternehmen auch einen signifikanten Anteil an nichtdeutschen Staatsbürgern, was natürlich dazu führt, dass ich da nie 100 Prozent meiner User abdecken kann, wenn ich jetzt meinen ganzen Prozess auf den nPA stütze.

Redaktion: Du hast bei der Generali als Azubi angefangen und von der Pike auf gelernt, wenn auch natürlich in der IT. Bist du der Meinung, dass solche Erfahrungen unverzichtbar sind, wenn du in der Versicherungsbranche als Technologiedienstleister Fuß fassen willst?

Benny Jürgens: Ich würde nicht sagen, dass es unverzichtbar ist. Gerade als Gründer lernt man in einer unglaublich hohen Geschwindigkeit. Musst du sogar zwangsweise. Aber es hilft enorm weiter, aus zwei Gründen: der eine Aspekt ist natürlich überhaupt, dass man Probleme in einer guten Deutlichkeit erkennen kann. Auf der anderen Seite hilft dieses Vorwissen ein ganzes Stück damit weiter, Vertrauen zu schaffen. Aus der Sicht alter Konzerne oder klassischer Unternehmen im Versicherungs- und Bankenbereich ist es bestimmt ganz nett, wenn man zwar mit einem Startup spricht, aber zumindest das Gefühl hat, dass da jemand ist, der Empathie für die Bedürfnisse oder vorhandene Probleme in einer Infrastruktur aufbringen kann. Das ist einfach ein Bonus, den wir in unserem Team haben.

Redaktion: Gibt es bei Eurer Zusammenarbeit mit Gesellschaften immer Arbeit auf Augenhöhe, oder hattest Du auch schon Momente, bei denen Du einen eher negativen Eindruck bekommen hast?

Benny Jürgens: Ich muss schon sagen, dass wir sehr gut aufgenommen werden in der Branche. Das läuft alles sehr auf Augenhöhe und wir erfahren viel Unterstützung. Wir können uns in keiner Weise darüber beschweren, dass jemand uns von oben herab behandelt, ganz im Gegenteil. Sowohl von Unternehmen als auch von verschiedensten Organisationen und Vereinigungen bekommen wir viel Unterstützung. Am Ende des Tages schafft das eine extrem gute Basis für eine Zusammenarbeit. Das Einzige, was im Weg steht für so ein Startup in der jetzigen Zeit, ist der doch sehr lange Sales Cycle. Die Entscheidungswege und -prozesse sind einfach noch extrem lang. Das sorgt dafür, dass die Einnahmen nicht nächsten oder übernächsten Monat kommen, sondern manchmal erst in neun oder zwölf Monaten. Was einen in der weiteren Planung vor signifikante Probleme stellen kann.

Redaktion: Ihr besetzt im Versicherungs-Business eine Mikro-Bereich. Ist der Ansatz, einen kleinen Prozess zu perfektionieren und anzubieten, für ein InsurTech der sinnvollste? Oder glaubst du, dass auch ganzheitliche Ansätze langfristig erfolgreich sein können?

Benny Jürgens: Beides kann definitiv langfristig erfolgreich sein. Beide haben unterschiedliche Vor- und Nachteile. Vieles ist einfach eine Kommunikationssache. Nischenprodukte wollen ja nicht immer Nischenprodukte bleiben. Es macht aber den Markteintritt wesentlich leichter, wenn man ein spezielles Produkt hat und damit einsteigt. Jedes Unternehmen weiß, dass es eine Verifizierung braucht – ich muss ihnen nur klarmachen, warum sie uns brauchen. Warum wir schneller, günstiger und besser sind. Das ist in einem oder zwei Sätzen rübergebracht. Wenn ich jetzt versuche, ein neues Konzept zu verkaufen, warum wir die beste digitale Versicherung sind, brauche ich viel umfangreichere Kommunikation. Das heißt nicht, dass das Projekt nicht erfolgreich werden kann. Macht es aber exorbitant schwieriger, das Ganze dem Markt und damit auch den Kunden zu verkaufen.

Redaktion: Wie geht es bei Euch in den kommenden Monaten konkret weiter?

Benny Jürgens: Dazu muss ich sagen, dass wir uns in der Versicherungsbranche sehr wohl fühlen. Ich sehe in der Digitalisierung noch ein großes Potenzial. Der Bedarf ist hoch. Und es gibt viele tolle Prozesse, die aktuell noch über den Briefversand laufen und die man digital abbilden könnte. Von daher glaube ich, dass wir uns gut etabliert haben und gut weiter wachsen können.

Nichtsdestotrotz sind natürlich Bankgeschäfte und die dazugehörigen Prozesse der Ritterschlag. Egal, ob zur Bekämpfung von Geldwäsche oder zur Verhinderung von Terrorismusfinanzierung. Ich sage mal so: Wenn du Identitätsbestimmung für Banken machen darfst, ist das das höchste aller Gefühle, die du als Identitätsbestätiger erleben darfst. Das ist unser Anreiz: so ein Produkt wollen wir platzieren. In 2020 orientieren wir uns nochmal Richtung Banken und bereiten uns darauf vor, ein Nect-System für Banken anzubieten.

Redaktion: Vielen Dank für die interessanten Einblicke. Ich wünsche viel Erfolg für Euren kommenden Weg!

Benny Jürgens: Vielen Dank und gerne jederzeit wieder!

Titelbild: © KfW Bankengruppe/Frank Peters; Beitragsbild: © Nect GmbH

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