Berufsunfähigkeit, so die landläufige Meinung, trifft nur Menschen, die schwere körperliche Arbeit leisten oder riskante Tätigkeiten ausführen. Bauarbeiter, die Steine oder Zimmerleute, die Balken schleppen. Dachdecker, die in luftiger Höhe balancieren. Oder Bäcker, die allergisch auf Mehlstaub reagieren. Aber im Büro, was kann da schon passieren? Eine ganze Menge, wenn man der Statistik glaubt.
Jeder vierte Angestellte muss im Laufe seines Berufslebens aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. Im Schnitt sind die Betroffenen um die 50 Jahre alt. Was sie immer mürber macht, ist nicht körperliche Arbeit, sondern der Druck, der auf der Psyche lastet. Zunehmende Leistungsanforderungen, ständige Erreichbarkeit, immer kürzere Taktung, Umstrukturierungen, Rationalisierungen und Angst vor Entlassung. Und natürlich Stress mit Kollegen oder Vorgesetzten – bis hin zum Mobbing. Immer öfter macht die Psyche deswegen schlapp.

Vom Burn-Out zur Depression

Psychische Erkrankungen liegen laut gesetzlicher Rentenversicherung mit 39,9 Prozent an der Spitze der Ursachen für verminderte Erwerbsfähigkeit. Oft steht am Anfang ein Burn-Out. Die neue Volkskrankheit kann einer Depression vorausgehen, so Florian Holsboer, Direktor des Münchner Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in einem „Spiegel“-Interview. Der Burn-Out alleine reicht jedoch nicht aus für die Anerkennung der Berufsunfähigkeit. Auch, weil er nicht zweifelsfrei zu diagnostizieren ist.
Viele berappeln sich wieder und finden trotz lädierter Seele in den Beruf zurück. Vielleicht nicht ganz auf der alten Leistungshöhe. Vielleicht in einem anderen Unternehmen. Vielleicht auch nur bis zum nächsten Zusammenbruch.
Wer den Zustand des Ausgebranntseins nicht überwindet, findet sich leicht in der Depression wieder. Körperlich womöglich kerngesund, doch seelisch am Ende – und fortan nur noch vermindert erwerbsfähig. Die Perspektive bis zur Rente ist damit düster. Dem statistischen Durchschnittsverdiener von 3500 Euro brutto monatlich stehen je nach Einstufung monatlich 560 bis 1120 Euro Erwerbsunfähigkeitsrente zu. Oder gar nichts, wenn er zwar erwerbsgemindert ist, aber mehr als sechs Stunden einer Tätigkeit nachgehen kann. Was darunter zu verstehen ist, sind leichte und fast immer schlecht bezahlte Aufgaben. Zum Beispiel Pförtnerdienste, Kurierfahrten, Aushilfstätigkeiten.
Damit scheitern viele Lebensentwürfe mitten in den besten Jahren. Erwerbsminderung kann schnell zum sozialen Abstieg führen. Das noch nicht abbezahlte Eigenheim, die Ausbildung der Kinder, die Autos der Familie, Urlaube, Ausflüge und Restaurantbesuche. All das lässt sich plötzlich nicht mehr stemmen.

Risiko liegt bei den Beschäftigten

Glücklicherweise gibt es eine Möglichkeit der Absicherung gegen Erwerbsminderung: die Berufsunfähigkeitsversicherung. Doch weniger als jeder Vierte hat eine Police. Offenbar ist bei vielen Menschen noch nicht angekommen, dass der Staat sich seit 2001 aus der Absicherung gegen Berufsunfähigkeit verabschiedet hat. Seitdem liegt das Risiko bei den Beschäftigten. Wer nach 1961 geboren ist, dem steht von Staats wegen nur die geringe Erwerbsminderungsrente zu.
Auch Vorbehalte über hohe Kosten der Berufsunfähigkeitsversicherung spielen eine Rolle für die zögerliche Haltung der Kunden. Wie auch die Erwartung, dass die Versicherung sich im Falle einer Berufsunfähigkeit vor Zahlungen drückt. Dies zumindest kann als widerlegt angesehen werden. Die Anerkennungsquote liegt bei immerhin 77 Prozent (mehr dazu lesen Sie hier). Auch die Kosten der Versicherung dürften kein Hinderungsgrund sein. Selbst gute Policen werden zu durchaus günstigen Beiträgen angeboten. Der Volkswohl Bund beispielsweise teilt seine Kunden in sieben Berufsklassen ein. Dadurch sinken die Prämien deutlich für alle, die überwiegend im Büro arbeiten.

Wert der Arbeitskraft: 1 260 000 Euro

Vielen Versicherten wäre zu raten, ihre sonstigen Versicherungen zu entrümpeln zugunsten der wirklich notwendigen Absicherungen. Der Schutz des Einkommens wird oft nicht als das wahrgenommen, was er ist: Die Sicherung der oft einzigen, mit Sicherheit aber weitaus größten Einnahmequelle. Ein 37-jähriger Durchschnittsverdiener mit 3500 Euro brutto monatlich erwirtschaftet bis zur Rente mit 67 erstaunliche 1 260 000 Euro. Fällt seine Arbeitskraft als Einnahmequelle aus, hat er ein Problem.
Nicht von der Hand zu weisen ist allerdings, dass viele Angestellte, die sich eine Absicherung wünschen, keine bekommen, weil Vorerkrankungen zur Ablehnung führen. Das kann eine alte Sportverletzung sein, eine überstandene Krebserkrankung, eine künstliche Hüfte und vieles mehr. Empfohlen wird daher, dass eine Berufsunfähigkeitversicherung „so früh wie möglich und bei guter Gesundheit“ abgeschlossen wird. So Torsten Rudnik vom Bund der Versicherten. Die Absicherung gehöre zu den wichtigsten überhaupt.

Besser nicht depressiv werden

Wer zu spät kommt, dem bleiben zwar Möglichkeiten. Zum Beispiel eine sogenannte Dread Disease-Versicherung. Sie zahlt bei schweren Krankheiten einmalig eine Versicherungssumme – nicht aber bei Depression. Somit muss festgestellt werden, echte Alternativen gibt es nicht. Wer als Angestellter keine Berufsunfähigkeitsversicherung abschließt, sollte besser nicht depressiv werden.

Titelbild: © undrey

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