Pünktlich um neun Uhr sitzt Klaus W. auf seinem Bürostuhl. Er bearbeitet seine E-Mails, hat eine überschaubare To-do-Liste und ist bereits eine Stunde vor seiner Mittagspause damit durch. Vor seiner Versetzung hatte er bis um 12 Uhr gerade mal ein Drittel seiner Arbeit geschafft und war dennoch ganz zufrieden. An Langeweile war damals nicht zu denken. Und jetzt? Muss er die zweite Tageshälfte damit befüllen, vor seinen Arbeitskollegen nicht wie ein meckernder Nichtsnutz dazustehen. Denn obwohl sein Chef vollkommen zufrieden mit ihm ist, belastet ihn seine Unterforderung. Aber darf er sich darüber beschweren? Frédéric Desnard , der als Angestellter in dem französischen Unternehmen Interparfum arbeitet, würde die Frage mit einem klaren “ja” beantworten. Er verklagt seinen Arbeitgeber um 360.000 Euro Schadenersatz. Die Begründung? Er leide unter Boreout.

Volkskrankheit Burnout bekommt Konkurrenz

Psychische Erkrankungen sind laut gesetzlicher Rentenversicherung mit 39,9 Prozent zur Volkskrankheit avanciert und die Hauptursache für verminderte Erwerbsfähigkeit. Meist beginnt alles mit einem Burnout, häufig folgen darauf Depressionen sowie chronische Rückenschmerzen oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Doch die wohl bekannteste psychische Erkrankung hat längst Konkurrenz bekommen, die gegensätzlicher nicht sein könnte: vom sogenannten Boreout. Und zeigt deutlich: nicht nur übermäßiger Stress, sondern auch Unterforderung und Langeweile (boredom) kann auf die Psyche gehen. Laut Stressreport der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (Baua) von 2012 fühlen sich bereits 13 Prozent der Arbeitnehmer fachlich und fünf Prozent bezüglich der Arbeitsmenge unterfordert.

Ein stressiger und übermäßig vollgepackter Arbeitsalltag kann zum Burnout und somit zu einer langfristigen Erschöpfung von Geist und Seele führen. Das ist hinlänglich bekannt und fordert Krankenkassen, Psychologen und Arbeitgeber zunehmend heraus. Ganz zu schweigen von dem Leid des Betroffenen, der sich nicht nur um seine Gesundheit, sondern auch um seine finanzielle Absicherung sorgen muss.

Genauso, wenn auch exakt aus gegensätzlichen Gründen, verläuft das Boreout-Syndrom. Doch anstatt eines hohen Arbeitspensums quälen sich hier Arbeitnehmer oft über Monate oder gar Jahre hinweg mit einer permanenten Unterforderung und dem Gefühl der Wertlosigkeit herum. Angefangen bei zu wenigen Aufgaben, bis hin zu Tätigkeiten, die nicht zum gewünschten Jobbereich gehören und ebenfalls nicht auslasten. Dass Menschen die unter einem Bore-out leiden häufig erst viel zu spät darüber sprechen, hat einen triftigen Grund: “Ich kann nicht über Langeweile sprechen in einer Zeit, wo Leistung das Maß aller Dinge ist und jeder um seinen Job kämpft”, so die österreichische Arbeitssoziologin Elisabeth Prammer (Quelle: Spiegel)

Boreout: Vom Leistungsträger zur Null?

Klingt hart, aber exakt solche Gedanken belasten Bore-out-Patienten. Sofern sie denn offen darüber sprechen. Der Fall Frédéric Desnard ist bislang einzigartig und seiner Klage von 360.000 Euro Schadenersatz wurde vom zuständigen Arbeitsgericht längst nicht stattgegeben. Der Anwalt seines Arbeitgebers bemängelt vor allem, seine Vorgehensweise. So habe er seinem Vorgesetzten niemals von seiner Unterforderung, die angeblich vier Jahre andauerte, berichtet. Ganz abgesehen davon, habe er vor dieser Zeit unter einem Burnout gelitten und bekam folglich eine neue Aufgabe. Dass diese Desnard nicht zufrieden stellte, konnte der Arbeitgeber angeblich nicht ahnen und war immer zufrieden mit den erbrachten Leistungen seines Mitarbeiters. Weiter beteuert der Anwalt, dass letztere keinesfalls sinnlos war, da sie die Stelle sonst auch nicht mit ihm besetzt hätten.

Abgesehen davon, ob Desnard mit seiner Klage durchkommt, sollte dieser nun öffentlich gewordene Fall Arbeitnehmer und Arbeitgeber für die seit erst rund zehn Jahren erforschte Bore-out-Erkrankung sensibilisieren. Das bedeutet zu allererst, dass der Dienst nach Vorschrift häufiger von Seiten des Angestellten aber auch von Arbeitgeberseite hinterfragt werden sollte. Auch der eigenständige Versuch, sich weitere oder neue Aufgaben zu suchen, wird nicht gleich von Unternehmensseite blockiert. Sofern sich eine Verbesserung nicht durch eigene Veränderungen erzielen lässt, ist es wichtig, den Vorgesetzten nicht mit Vorwürfen zu überhäufen. Ein freundliches Gespräch unter vier Augen und der Hinweis darauf, dass man sich mehr zutraut, als die aktuellen Tätigkeiten verlangen, werden sicherlich keinen Chef in Rage versetzen, sondern zeigen: Ich kann viel mehr und möchte mich neuen Herausforderungen stellen. Vorausgesetzt, der Betroffene wartet nicht ab, bis die Unterforderung so akut ist, dass eine Berufsunfähigkeit droht.

Titelbild: © liveostockimages


1 KOMMENTAR

  1. Prima. Ein wirklich guter Beitrag, der das eigentliche Problem von Unterforderung und Langeweile aufzeigt. Arbeitgeber und Arbeitnehmer können am besten gemeinsam einen entstandenen Boreout auflösen.

    Stefan H.G. Duwensee, BoreoutCoach & Consultant aus Hamburg

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