Ist Tennislegende Boris Becker etwa “bum-bum” bankrott? Ein Londoner Konkursgericht verhängte gegen ihn im Juni dieses Jahres  eine so genannte „bankruptcy order“. Er hatte eine seit 2015 ausstehende Forderung an eine Privatbank nicht beglichen. Offenbar steuert Becker nun auf ein Insolvenzverfahren im Vereinigten Königreich zu. Seine Vermögenswerte und Gläubiger legte er bereits offen. Steckt hinter dem Insolvenzverfahren im Ausland etwa Kalkül?

Jährlich 100.000 Privatinsolvenzen in Deutschland

Einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft zufolge waren im vergangenen Jahr ca. 6,8 Millionen volljährige Deutsche stark überschuldet. Davon waren etwa 100.000 Personen von einer Insolvenz betroffen. Während von Insolvenz Betroffene in den USA beispielsweise erfolgreich Trickfilmimperien aufbauen oder es sogar bis zum Präsidenten bringen, ist die Privatinsolvenz in Deutschland ein schwer zu überwindender Makel.

Das Prozedere in Deutschland

Der Entschuldungsprozess dauert in Deutschland bis zu sechs Jahre. Während dieser Zeit, der so genannten Wohlverhaltensphase, muss der Schuldner den pfändbaren Teil seines Einkommens an seine Gläubiger abgeben. Darunter fällt alles, was den aktuellen Freibetrag von 1.339 Euro des bereinigten Nettoeinkommens übersteigt (ohne Unterhalt). Erst im Anschluss an diesen Zeitraum kann der Schuldner von einem Gericht für schuldenfrei erklärt werden. Durch eine Änderung der Gesetzeslage ist eine Entschuldung in Deutschland seit 2014 bereits nach drei Jahren möglich – im Vergleich zu einigen EU-Nachbarländern eine immer noch lange Verfahrensdauer. Außerdem müssen hierfür bereits 35 Prozent der gesamten Schulden abgezahlt sein.

Insolvenzflucht ins EU-Ausland: eine attraktive Option?

Einige deutsche Schuldner versuchen deshalb, ihre Privatinsolvenz beispielsweise im Vereinigten Königreich, Frankreich oder auch Spanien abzuwickeln. Sie erhoffen so, ihren Gläubigern in Deutschland zu entkommen und das langwierige Verfahren zu umgehen. Dieses Phänomen bezeichnet man als Insolvenzflucht. Als Begleiterscheinung hat sich eine regelrechte Insolvenztourismusindustrie entwickelt. Viele Anwaltskanzleien und Insolvenzverwalter bewerben ihr Geschäftsmodell mit einer verlockenden „Restschuldbefreiung in 12 Monaten“. Und tatsächlich: In Frankreich dauert ein Entschuldungsverfahren etwa 12 Monate, im Vereinigten Königreich zwischen 9 und 12 Monaten. Die langjährige Wohlverhaltensphase, wie es sie in Deutschland gibt, entfällt komplett. Und wie ein Urteil des Bundesgerichtshofs von 2001 bestätigt, ist eine ordnungsgemäß abgelaufene Entschuldung im EU-Ausland auch in Deutschland gültig. Ein Traum also für jeden, der um eine Privatinsolvenz nicht herumkommt. Oder?

Teuer und unsicher

Ganz so einfach ist es nicht. Denn diese Angebote sind oftmals kostspielig: Bis zu 10.000 Euro kostet ein Insolvenz- Komplettpaket.

Typische Leistungen eines Insolvenz-Komplettpakets
  • Relocation/Bildung des Lebensmittelpunktes
  • Bankverbindungen, Versicherungen und Installierung des Sozialleistungs-Paketes
  • Beratung und Aktivitäten beim Gericht/bei Behörden
  • Arbeitsvermittlung
  • Gründung von Firmen

Und auch dann hat der Betroffene nicht die Garantie, dass alles glatt läuft. Denn die Prüfverfahren in den vermeintlichen Schuldnerparadiesen sind in den vergangenen Jahren um einiges härter geworden. So lassen sich manche Richter in Frankreich neben Mietverträgen auch Nebenkosten- oder Telefonabrechnungen vorlegen, um den tatsächlichen Lebensmittelpunkt eines Antragstellers herauszufinden. Eine neue Vorschrift der EU-Kommission schreibt diese genauen Prüfungen im Falle einer Wohnsitzverlegung und einem anschließendem Insolvenzverfahren seit Juni 2017 vor. Somit dürfte die Insolvenzflucht innerhalb der EU um einiges erschwert werden. Täuscht der Antragsteller eine Wohnsitzverlegung nur vor, um von einer günstigeren Gesetzgebung profitieren, scheitert die Anerkennung der Restschuldbefreiung. Insolvenzflucht kann somit vor allem teuer und unsicher sein.

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