Eine 15-Jährige wird 2012 auf einem Berliner U-Bahnhof von einem einfahrenden Zug erfasst und tödlich verletzt. Ungewiss die Tatsache: Suizid oder Unfall? Um die Situation aufzuklären, wollten die Eltern auf das Facebook-Profil ihrer Tochter zugreifen. Doch das US-Unternehmen weigerte sich das Konto freizugeben. Begründung: Datenschutz. Die Eltern haben zwar das Recht auf die Nachrichten ihrer Tochter. Aber nicht auf die derjenigen, mit denen sie sich austauschte.

Die Eltern klagten. Nun entschied das Berliner Kammergericht: Eltern haben keinen Anspruch auf den Zugang zum Facebook-Account ihres verstorbenen Kindes. Eine Debatte entbrennt. Stichwort: Digitaler Nachlass.

Friedhof der Likes

Nach einer Berechnung des ARD-Journalisten Dennis Horn wird es im Jahr 2089 mehr tote als lebende Facebook-Nutzer in Deutschland geben. Ein großer, digitaler Friedhof. Doch wer kümmert sich um die Särge in Form der Accounts? Antwort: Niemand. Denn laut Bitkom-Umfrage haben ganze 80 Prozent ihren digitalen Nachlass nicht geregelt. Lediglich 18 Prozent haben dies zumindest teilweise gemacht.

digitaler nachlass vorsorge

Die meisten von ihnen (55 Prozent) hinterlegen eine Vollmacht bei der betreffenden Online-Plattform. 29 Prozent sorgen mit einer testamentarischen Verfügung vor. 17 Prozent beauftragten ihren Anbieter, im Todesfall ihre Konten zu löschen.

Unangenehm, unwissend, uninformiert

Der Prozess um das weiterhin gesperrte Konto des Mädchens macht Schlagzeilen. Der vermeintlich „böse“ US-Konzern gegen die trauernden Eltern. Dabei ist das Thema „Digitaler Nachlass“ kein einfaches. Rund 30 Prozent der Bitkom-Befragten finden das Thema der postmortalen Kontenverwaltung unangenehm. Für 32 Prozent ist es hingegen unwichtig. Viele Menschen (59 Prozent) sind sich des Themas bewusst, doch wissen nicht, wo sie anfangen sollen.

69 Prozent fehlen schlichtweg Informationen, wie und wann der digitale Nachlass geregelt werden muss.  Und 72 Prozent wünschen sich eine staatliche Bevormundung in Form einer gesetzlichen Regelung. Vergessen wird: Es geht um mehr, als um Facebook und Instagram Profile. Es geht um alle digitalen Daten, einschließlich online Bankkonten, Verträge und E-Mails.

Vorsorgen – einfach; Nachsorgen – schwer

“Grundsätzlich erben Erben alles, das umfasst auch den digitalen Nachlass”, sagt der Rechtsanwalt Christian Solmecke.

Theoretisch. Praktisch sieht es anders aus. Denn: Inwieweit davon Daten in sozialen Netzwerken sowie E-Mails betroffen sind, ist rechtlich nicht eindeutig festgelegt.

“Andere behaupten hingegen, es sei nur der vermögensrechtliche Teil des digitalen Nachlasses vererbbar, nicht aber Zugangsdaten und die Inhalte der Accounts wie Fotos und Chats”, sagt Solmecke.

Und da die Nachsorge und die Verwaltung nach dem Tod schwer sein kann, wie das Beispiel oben beweist, könnte eine Checkliste zum digitalen Nachlass so aussehen.

Digitaler Nachlass: 4 Punkte

  1. Einen digitalen Nachlassverwalter konsultieren:
    Wie die Bestattung selbst, so kann die Regelung aller Anliegen für die Hinterbliebenen ausarten. Zeitlich und bürokratisch. Dienstleister wie Columba setzten hier an. Dieser bietet einen Kundenschutz aller digitalen Daten und Verträge für Angehörige und Erben verstorbener Internetnutzer an. Sowohl für Privatpersonen, als auch für Unternehmen.
  2. Regeln im Testament festhalten:
    Noch die einfachste und sicherste Variante. Da jeder im Normalfall ein Testament aufsetzt. Fragen wie: „Wer verwaltet meine Zugangsdaten?“, „Wer hat Zugriff auf meine Online-Konten?“ und „Welche Bilder dürfen von meiner Beerdigung veröffentlicht werden?“ sollten hier eindeutig geklärt werden.
  3.  Nachlasskontakt vereinbaren:
    So aktuell die Frage des virtuellen Erbes auch ist, so schnell haben die sozialen Plattformen ihre Lösungen angeboten. Bei Facebook ist es möglich, einen sogenannten „Nachlasskontakt“ einzurichten. Dieser kann stellvertretend Beiträge schreiben, auf Freundschaftsanfragen reagieren, Profil- und Titelbild verändern oder die Löschung des Kontos anfordern.
  4. Gedenkzustand aktivieren:
    Mit dem “Gedenkzustand” wird das Facebook-Konto geschützt, da sich niemand mehr bei diesem Konto anmelden kann. Nur der vom Kontoinhaber hinterlegte Nachlasskontakt. Dazu muss lediglich ein Antrag gestellt werden.

Bild: ©nuvolanevicata/Fotolia 

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