Es gibt Dinge, die sind sicher schon jedem passiert oder zumindest jemandem, den man kennt. Der gerade gekaufte Kaffee fällt um und hinterlässt schmerzhafte Verbrühungen, im Pflaumenkuchen vom Bäcker um die Ecke ist ein Kern, der einen Zahn ausbricht oder man sieht im Fernsehen einen Film, der Albträume verursacht. Hier in Deutschland hat das kaum Auswirkungen, lebt man allerdings in den USA, kann man durch so kleine Missgeschicke schnell zum Millionär werden.

Deutsches Recht vs. US-amerikanisches Recht

Das deutsche und das amerikanische Rechtssystem unterscheiden sich wesentlich in Fragen des Schadenersatzes. Geht man in Deutschland vom Grundsatz des Nachteilausgleiches aus, werden in den USA gegen Verursacher von Schäden zum Teil drakonische Strafen verhängt. Der Schadenersatz ist im deutschen Rechtssystem in den §§ 823 bis 853 des BGB geregelt. Zudem hat der Geschädigte die Verpflichtung, den Schaden so gering wie möglich zu halten. Bei der Ermittlung der Schadenssumme wird zwischen Ist- und Soll-Zustand unterschieden. Erst, wenn der ursprüngliche Zustand nicht mehr hergestellt werden kann, wird eine bestimmte Summe festgelegt. Anders in den USA. Hier ist auch zuerst entscheidend, wie hoch der tatsächliche Schaden ist. Des Weiteren wird aber auch das Verhalten des Schädigers betrachtet. Hat dieser sich grob fahrlässig, rücksichtslos oder bösartig verhalten, gibt es noch einmal eine saftige Geldstrafe obendrauf. Für US-amerikanische Anwälte ein lohnendes Geschäft. Denn die „gewonnene“ Summe verteilt sich 50/50 plus angefallene Kosten. Da verwundert es nicht, dass in den USA riesige Anwaltskanzleien unterhalten werden.

Der Stella-Award

Eine alte Dame kauft im Jahr 1992 einen frischen Kaffee bei McDonalds. Der fällt im Auto um und hinterlässt auf den Oberschenkeln Verbrühungen dritten Grades. Die Folgen: Hauttransplantationen, ein Krankenhausaufenthalt und wochenlange Arztbesuche. Die cleveren Anwälte der alten Lady können beweisen, dass McDonalds weiterhin mit Absicht heißen Kaffee brüht und wissentlich Verbrühungen der Kunden in Kauf nimmt. Von den ursprünglich verlangten 2,7 Millionen Dollar bleiben schlussendlich 480.000 Dollar Schadenersatz und 160.000 Dollar Schmerzensgeld. Macht 640.000 Dollar für die alte Dame und ihre Anwälte plus einen eigens eingerichteten Preis für die skurrilste Schadensersatzklage des Jahres, der Stella-Award, benannt nach der 80-jährigen Lady Stella Liebeck.

Wenn man nicht weiß, wie ein Sicherheitsgurt funktioniert

Ein Auto besitzt heutzutage serienmäßig Sicherheitsgurte. Das weiß jedes Kind. Und diese Gurte sollen bei einem Unfall die Insassen schützen. Leider hatten die Autobauer von Mazda Motors es versäumt, ihrem Auto eine Gebrauchsanleitung für die Sicherheitsgurte beizulegen, was ihnen 2004 zum Verhängnis wurde. Denn nach einem Unfall mit Totalschaden nahm die Beifahrerin Mary Ubaudi diesen Umstand zum Anlass, die Autobauer zu verklagen. Für das Nichtbereitstellen einer „Anleitung für den gefahrlosen Gebrauch der Sicherheitsgurte“ verlangte sie 150.000 Dollar.

Ist Gott allwissend?

Jeder darf in den USA klagen und auch jeder kann verklagt werden. Wieso nicht auch Gott. Ernie Chambers, der in Nebraska lebt, reichte bei Gericht eine Klage gegen Gott ein. Darin machte er diesen für Zerstörung, Tod und Terror gegen Millionen von Menschen verantwortlich. Im gläubigen Amerika sicher eine trickreiche Klage. Denn das Gericht konnte sich ja nicht einfach darauf berufen, dass es keinen Gott gibt. So fanden die Richter einen anderen, nicht weniger skurrilen Ablehnungsgrund für die Klage. Um in Amerika zu klagen, muss der Verursacher des Schadens eine zustellfähige Adresse haben. Was bei Gott eben nicht der Fall sei. Findiger Gegenargument Chambers war, dass Gott sicher wisse, was in der Anklageschrift stehe, da er ja schließlich allwissend sei.

Was kostet ein Sturz in Deutschland und den USA?

In Deutschland fallen Schadenersatzklagen viel bescheidener aus, wie ein Fall aus Hamm zeigte. Hier stolperte eine 61-jährige Frau in einem Reitsportgeschäft über den schlafenden Hund eines Angestellten. Dabei verletzte sich die Frau das Knie. Grund genug zu klagen. Die Richter des Oberlandesgerichts Hamm gaben ihr Recht und sprachen ihr 15.000 Euro Schmerzensgeld zu. Völlig anders sähe das in den USA aus. Dort stolperte Kathleen Robertson in einem Möbelgeschäft über ein krabbelndes Kleinkind, stürzte und brach sich den Knöchel. Der Jury aus Austin/Texas war der Vorfall 780.000 Dollar Schmerzensgeld wert. Und das, obwohl der kleine Junge der Sohn der Klägerin war.

Titelbild: © Tomasz Zajda

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