Wahrheit, Lüge oder irgendwo dazwischen: Um heute in digitalen Medien noch A von B unterscheiden zu können, bedarf es einiger Erfahrung.

„Was ist Wahrheit?“, erwiderte bereits Pontius Pilatus auf die Bemerkung Jesu, dieser sei in die Welt gekommen, um „Zeugnis für die Wahrheit“ abzulegen (Joh 18, 38). Auch im Jahre 2017, dem post-postfaktischen Zeitalter, ist diese Frage brandaktuell. Insbesondere im Netz. Warum? Weil dieser Tage „Fake News“ in aller Munde sind, die offenbar Schaden anrichten können, und das dann auch gern in der realen Welt, in Politik, Gesellschaft und Unternehmen und anderswo. Aber sind „Fake News“ wirklich erst seit Trump, Erdogan, Putin und Co. en vogue, oder gab es das Phänomen vielleicht schon früher?

 

Fake News für realen Absatz

Als im 19. Jahrhundert die moderne Zeitung entstand, gehörten erfundene Geschichten zum regulären Geschäft. So erschien 1835 in der „New York Sun“ eine frei erdachte Serie über die angebliche Entdeckung einer außerirdischen Zivilisation auf dem Mond. Mark Twain, veröffentlichte 1862 die Zeitungsgeschichte eines versteinerten Mannes. Sie brachte das Papier an die Leute. Ebenfalls in die Geschichte der „Fake News“ ging das am 30. Oktober 1928 ausgestrahlte Hörspiel „Krieg der Welten“ mit Orson Welles als Sprecher ein. Es begann mitten in einer Konzertübertragung des Radiosenders und war so authentisch und gut, dass es viele Menschen in den USA in Angst und Schrecken versetzte. Anrufe bei der Polizei und Hamsterkäufe waren die Folgen.

Nur … waren das schon „Fake News“?

Als eben solche bezeichnet man Denken, Handeln und Publikationen, bei denen Fakten nicht im Mittelpunkt stehen. Die Wahrheit und Echtheit einer Aussage tritt dabei hinter den emotionalen Effekt zurück auf eine Entwicklungsstufe, bei der die Bedeutung von Tatsachen stark abnimmt; unabhängig von Wahrheitsgehalt oder Realität. Dazu müsste man nun wissen, was Realität ist. Genau auf diesen wunden Punkt legte 1929 René Magritte seinen Pinsel.

 

Ceci n’est pas une pipe

Mit „La trahison des images“ (dt. „Der Verrat der Bilder“) verdeutlicht der Maler die gesamte Tragödie heutiger sozialer Medien. Dabei scheint das Gemälde wenig aufrührerisch zu sein. Auf dem Ölbild ist eine Pfeife abgebildet, darunter ist der Schriftzug „Ceci n’est pas une pipe.“ (französisch für „Dies ist keine Pfeife.“) zu lesen. Was hat diese Pfeife mit dem berühmten Mittelfinger des ehemaligen griechischen Finanzministers Yannis Varoufakis zu tun hat?

Die Absicht Magrittes war es zu demonstrieren, dass selbst die realistischste Abbildung eines Objekts nicht mit dem Objekt selbst identisch ist. Stattdessen hat man es bei dem Dargestellten mit dem Abbild einer Pfeife zu tun, nicht mit einer tatsächlichen Pfeife, die man stopfen oder rauchen könnte. Ähnlich verhält es sich mit dem Varoufakis-Mittelfinger. Die Geste des ehemaligen Finanzministers empörte damals die Gesellschaft. Die Geste an sich ist echt, doch der Kontext wurde verändert. Ursprünglich reckte er den Mittelfinger bei einem Auftritt in Zagreb. Gemeint war aber nicht wie unterstellt Kanzlerin Merkel, sondern die Europäische Zentralbank (EZB). Später haben andere, seien es Günther Jauch oder Jan Böhmermann, das Bild für sich und seine Agenda genutzt. „Fake News“? Eindeutig aber unabsichtlich.

 

Richtig oder Falsch

„Fake News“ sind aus medientheoretischer Sicht, nichts weiter als Propaganda. Durch soziale Medien erfährt diese eine viel schnellere Verbreitung und erreicht oft viel mehr Menschen als eine echte Nachricht. Und eben diese Netzwerke erlauben es Menschen ebenfalls sich um sensationsheischende Geschichten und Verschwörungstheorien zu scharen. Warum ist die Hexenjagd auf „Fake News“ dennoch unsinnig? Weil die Wahrheit im Endeffekt mehr Auslegungssache denn Parameter ist. Ebenso wie bei Propaganda. Doch genau hier liegt die Gefahr. Propaganda, wie plump und offensichtlich sie auch sein mag, manipuliert. Um ihre Wirkung zu entfalten, reicht es, wenn sie Vorurteile bestätigt. Für diese Zwecke werden auch gerne Fotomontagen eingesetzt. Bilder und Video prägen sich besser ein als die knalligste Schlagzeile. Und Vorurteile bestehen auch ohne mediale Bestätigung – sie erfahren lediglich einen verstärkenden Effekt.

„Fake News“ sind somit kein Phänomen, keine neue Erfindung sozialer Netzwerke. „Fake News“ sind digitale Varianten der Propaganda und gezielter Fehlinformation. Moralisch verwerflich? Durchaus aber nicht zwangsweise verboten. Ketzerisch könnte man überlegen, ob gezielt gestreute und erfundene Meldungen nicht ab und zu helfen können das eigene Ziel zu erreichen, ohne dabei tatsächlichen Schaden anzurichten. Hier, am Scheideweg zwischen Tatsache und Erfindung, zwischen Wahrheit und Fiktion, zwischen Ehrlichkeit und Lüge, kann ein jeder für sich nur selbst entscheiden. Die Frage, die dabei zu klären ist: Flüstert das Teufelchen oder das Engelchen eindringlicher auf der Schulter?

 

Bild: © chetverikov / fotolia.com

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