Auf dem Land tickt die Uhr langsamer. Das Leben wird entschleunigt und die Seele kann aufatmen. Vergleicht man diesen Alltag mit dem hektischen Leben eines Großstädters, fällt schnell der Gedanke: Die auf dem Land, die haben es gut! Und wie sieht es mit der ärztlichen Versorgung aus? Nicht so gut, wie in der beliebten Vorabendserie “Der Landarzt”, der sich in dem norddeutschen Örtchen Deekelsen in die Herzen der Bewohner gedoktort hat. Immerhin wurde dort von 1987 bis 2012 inklusive Nachfolgerschaft praktiziert. Heute stehen immer mehr Landarztpraxen leer. Das Rechercheprojekt “Geld zieht Ärzte an” zeigt mehr als deutlich, dass Deutschlands Ärzte nicht dort praktizieren, wo viele kranke Menschen leben, sondern da, wo die Zahl der Privatversicherten groß und die Infrastruktur gut ist. Arme Bezirke und abgelegene Orte bleiben auf der Strecke.

Privatpatienten ziehen Ärzte an

Um der These auf den Grund zu gehen, wurden die Standorte aller in Deutschland praktizierenden Fachärzte und Psychotherapeuten ausgewertet. Diese wurden darauf mit der Anzahl der Privatversicherten in deutschen Landkreisen und in kreisfreien Städten verglichen. Auffällig war dabei, dass sich Hausärzte auch in ländlichen Gegenden niederlassen, während Fachärzte dort anzutreffen sind, wo sie eine hohe Dichte an Privatpatienten vorfinden.

Vier Stunden Fahrt zum Facharzt

Der Rentner, der gerade mal eine Runde um den eigenen Häuserblock schafft, die junge Mutter, die auf dem Land lebt und mit dem Auto über eine Stunde zum Kinderarzt braucht, oder die ausländische Frau, die kaum Deutsch spricht und sich fast blind mit Bus oder Bahn von ihrem Stadtteil ins nächste aufmachen muss. Jede dieser drei Situationen ist mehr als unzumutbar und dennoch Realität. In dörflichen Orten Vorpommerns ist die Lage zum Teil sogar so akut, dass allein für die Hin-/ und Rückfahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln bis zu vier Stunden eingeplant werden müssen, die im schlimmsten Fall eine Rückfahrt am gleichen Tag unmöglich machen.

Das große Problem ist hierbei die festgelegte Quote, wo sich ein Arzt niederlassen darf. Diese Berechnung erfolgt aufgrund der Einwohneranzahl pro Arzt. Zwar wird seit 2013 auch der Anteil der über 64-Jährigen einbezogen sowie mit bedacht, wie ländlich der jeweilige Ort liegt. Das große ABER: Die Quote orientiert sich noch immer an der Versorgungssituation aus dem Jahr 1990. Abgesehen davon, dass bereits damals eine ungleiche Verteilung bestand, wird die Bevölkerung zunehmend älter und somit ist auch der Bedarf der ärztlichen Versorgung weiterhin gestiegen.

In Großstädten haben Mediziner dann sogar vollkommen freie Wahl, wo sie ihre Praxis ansiedeln wollen. Und somit sind auch hier die vermögenden Stadtteile, inklusive der hohen Anzahl der Privatpatienten sehr viel lukrativer. Leider bleibt hier der wichtigste Punkt vollkommen außen vor: Einwohner in ärmeren Stadtteilen sind häufiger krank und zudem leben dort meist mehr Menschen, als in den vermögenden Bezirken.

Fachärzte
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Bis zu 60.000 Euro jährlich mehr Umsatz

Das verdienen Fachärzte mehr, wenn der Anteil an Privatpatienten mindestens 20 Prozent beträgt. Hausärzte kommen auf ein Plus von jährlich 20.000 Euro. Und die halten sich meist in Großstädten auf. Aber auch die Ärzte selbst bevorzugen aufgrund der privaten Interessen und Lebensansprüche einen Wohnsitz in einer Millionenstadt wie Berlin, Hamburg oder München. Ein Medizinstudium mit anschließender Facharztausbildung kann bis zu 12 Jahre in Anspruch nehmen und trägt dazu bei, dass man sich als (angehender) Mediziner auf den Alltag in der Stadt fixiert. Entscheidet man sich für eine Karriere auf dem Land, kommen anstrengende Bereitschaftsdienste, längere Fahrten für Hausbesuche und Überstunden (aufgrund der wenigen Praxen) hinzu.  Bei einem Privatpatientenanteil von 20 Prozent verdient ein Hausarzt bis zu 20.000 Euro mehr pro Jahr und Fachärzte sogar bis zu 60.000 Euro.

Ländliche Regionen erfordern neue Strukturen

Viele Landkreise versuchen durch kostenlose Praxisräume und Investitionszuschüsse, Stipendien und andere Anreize während der medizinischen Ausbildung Ärzte für eine Landpraxis zu gewinnen. Diese fordern jedoch im Vergleich zu der ärztlichen Tätigkeit in der Stadt ein Plus von jährlich 100.000 Euro.  Dieser unrealistische finanzielle Anreiz kann also keine allseits anwendbare Lösung sein, um die ärztliche Unterversorgung auf dem Land zu verbessern.

“Wir müssen vielmehr Strukturen schaffen, die die Versorgung in ländlichen Regionen stützen. Beispiele hierfür könnten zeitweise interdisziplinär besetzte Gemeinschaftspraxen sein, Krankenhäuser, die ambulante Behandlungen anbieten, oder Praxen, in denen Krankenschwestern mit Zusatzqualifikationen bestimmte Patienten mitversorgen. Den Grundsatz, dass jeder Bürger an jedem Ort einen Anspruch auf eine gute, dem medizinischen Fortschritt entsprechende Versorgung hat, dürfen wir nicht fallen lassen”, so die Gesundheitsökonomin Leonie Sundbacher.

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