Ein bisschen dubios kommt mir das Ganze vor: Ich stehe vor den Uffizien, der einmaligen Gemäldesammlung, neben dem Palazzo Vecchio. Mitten im Trubel des sommerlichen Florenz. „Sie treffen Ihren Agent gegenüber der Statue von Niccolò Pisano“ hieß es in der Mail. Was sich zunächst anhört wie ein Spionage-Thriller aus der Feder Tom Clancys, sollte eigentlich mein Weg in das mittelalterliche florentinische Rathaus sein. Denn schließlich bin ich im Urlaub in der Toskana und will mir die weltberühmten Sehenswürdigkeiten anschauen. Dazu habe ich etwas Neues ausprobiert: GetYourGuide, eine Plattform, über die Touristen Tickets und Touren überall auf der Welt buchen können. Was ich zu dem Zeitpunkt noch nicht weiß: GetYourGuide ist kurz davor, mit einem Mega-Funding in den exklusiven Club der deutschen Unicorns aufzusteigen. Also der Start-Ups, die mit mindestens einer Milliarde Euro bewertet sind.

Riesiges Funding aus Japan

GetYourGuide
Blick von der Piazza della Signoria auf die Uffizien

Gegründet 2009 in Zürich wollte das Unternehmen zunächst ein soziales Netzwerk für Tourguides sein. Stattdessen wurde die Plattform zum Marktplatz für Reiseerlebnisse und Ausflugstouren. Und das funktioniert offenbar. Zumindest angesichts der 484 Millionen US-Dollar, die GetYourGuide Mitte Mai in seiner jüngsten Finanzierungsrunde einsacken konnte. Das meiste Kapital steuerte übrigens der Vision Fund der japanischen Softbank bei. Weltweit unterhält das Berliner Unternehmen 17 Büros und beschäftigt über 600 Mitarbeiter. Dazu 25 Millionen verkaufte Tickets seit Start. Deutlich über 100 Millionen Euro liege der jährliche Umsatz mittlerweile, erklärt Co-Founder und CEO Johannes Reck im OMR Podcast.

Besser als die Alten?

Im Vergleich zur TUI klingt das erst einmal wenig. Denn der Platzhirsch setzt knapp 20 Milliarden Euro im Jahr um. Der Marktwert hingegen wird auf circa 5,5 Milliarden Euro taxiert. Die Verhältnisse zwischen Unternehmenswert und Umsatz sind also extrem gegensätzlich. GetYourGuide CEO Reck führt das auf „das Potenzial“ zurück, wie er es nennt. Der Konzern habe es nicht geschafft, online Kanäle zu finden und einen funktionierenden Marktplatz aufzubauen. Etwas, das GetYourGuide geschafft hat.

Gewusst wie

Die Grundlagen für den durchschlagenden Erfolg: Search Marketing, Influencer und Blogger Marketing und starke technische Lösungen. Außerdem habe es GetYourGuide geschafft, die zweitägige Sperrfrist vieler „Museen und Co.“ aufzuweichen. Und ist damit zu einem zeitgemäßen Anbieter im Touristik-Sektor geworden. Ein Verkauf ist für Reck heute nicht mehr denkbar. Stattdessen sei „ein IPO definitiv der wahrscheinlichste Weg“ für das deutsche Unicorn. Übrigens: Meine Erfahrung mit GetYourGuide war ziemlich ambivalent. Denn an besagtem Tag in Florenz waren am morgen sämtliche Systeme abgestürzt. Und somit alle Buchungen passé. Ein Guide, der somit seine Tour verloren hatte, erbarmte sich aber meiner, und ich bekam für einen geringen Obulus eine private Tour durch den Palazzo Vecchio. Manchmal muss man eben Glück haben.

Titelbild: © Hadi/fotolia.com; Beitragsbild: ©NewFinance Mediengesellschaft

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