SATIRE

Kennen Sie das auch? Da tauchen aus einem belanglosen Grund 1,9 Milliarden Euro an Bankguthaben auf Treuhandkonten in Ihrer Bilanz nicht auf, und schon werden Sie per Haftbefehl gesucht? Da muss schleunigst ein passendes Hideout her!
So dachte es sich vermutlich auch Jan Marsalek, ehemaliges Vorstandsmitglied der Wirecard AG. Denn Informationen der philippinischen Einwanderungsbehörde und Justizminister Menardo Guevarra zufolge soll Marsalek am 23. Juni 2020 auf der Insel Cebu eingereist und von dort weiter nach China geflohen sein.
Doch auf keiner Überwachungskamera ist er zu finden. Der Verdacht: Einwanderungspapiere sollen gefälscht worden sein. Die Konsequenzen: mehrere Jahre Haft, sollte es zu einer Festnahme kommen. Und falls Ihr auch über einen würdevollen Lebensabend auf der Flucht nachdenkt, hier unsere Top 5 Hideouts und Hot-Spots!

Florian Homm: Bella Italia

„Egal, ob Mailand oder Madrid – Hauptsache Italien!“, wusste schon Fußballlegende und Lyriker Lothar Matthäus. Und wer könnte widersprechen? Egal ob die Ponte Vecchio in Florenz, die kleine Hafenstadt Otranto in Apulien, das Castello Ruffo in Scilla, Rom, Pisa und unzählige andere Orte – Italien ist immer einen Besuch wert und bietet als Hideout beinahe alles: von wuseligen Städten bis zu langen Stränden.

Davon ließ sich wohl auch Florian Homm inspirieren. Der ehemalige Gründer des Fonds Absolute Capital Management Holdings Ltd. brachte Unternehmen mit wirtschaftlichen Problemen an die Börse und verwaltete in den Nullerjahren mit dem Hedgefonds Absolute Capital Management (ACM) mehrere Milliarden Dollar Kundenvermögen. Und rettete 2004 Borussia Dortmund aus der finanziellen Krise. Später wurde offenbar, dass viele Investments weniger wert waren, als von ihm behauptet. So soll er seine Kunden um 200 Millionen Dollar geprellt haben. Als ACM in der Finanzkrise 2007 unter Druck geriet, tauchte Homm unter. 2013 wurde er in Florenz gefasst.

Carlos Ghosn: Goran itadaki arigatōgozaimasu

Japan brodelt. Wer untertauchen möchte, findet sich in Tokios Unterhaltungsbezirk Shibuya wieder. Wer Abgeschiedenheit bevorzugt, reist mit dem japanischen Superzug Shinkansen nach Kyoto. Hier allein sind 17 UNESCO-Welterbestätten, ungefähr 1.600 buddhistische Tempel und circa 400 Shinto-Schreine versammelt.
Doch wer bei den Yakuza in Missgunst gerät, hat es nicht leicht und sollte abhauen. Genau so tat es der Top-Manager Carlos Ghosn, ehemaliger Chief Executive Officer von Renault-Nissan-Mitsubishi und Vorsitzender des Verwaltungsrats von Renault.

Der Manager mit der brasilianischen, libanesischen und französischen Staatsbürgerschaft sanierte den Konzern als dieser kurz vor dem Bankrott stand. Und das sehr erfolgreich. Parallel, so heißt es, habe er Einkommen in Höhe von 50 Millionen Dollar verschleiert und Firmengelder von Nissan an Händlerbetriebe ins Ausland weitergeleitet. Woraufhin er sich ins malerische Beirut absetzte. Womöglich, um in den römischen Thermen oder im libanesischen Nationalmuseum etwas Ruhe zu finden oder um auf der Strandpromenade Corniche zu flanieren. Da der Libanon kein Auslieferungsabkommen mit Japan hat, wähnt er sich dort vor der japanischen Strafverfolgung in Sicherheit. Ein Hideout mit Win-win-Situation.

Kim Dotcom: verschanzt im Auenland

Spätestens nach den atemberaubenden Landschaftsaufnahmen aus „Der Herr der Ringe“ ist Neuseeland einen Besuch wert. Neben Hobbiton dürfen internationale Gäste den Fiordland Nationalpark, den größten Nationalpark Neuseelands (12.500 km²) bewundern. Kleine Abkühlung gefällig? Dann sind der Ninety Mile Beach, der Strand von Cape Reinga oder der Franz-Josef-Gletscher die beste Wahl.

Diese Naturwunder lockten wohl damals auch Kim Dotcom, geboren als Kim Schmitz, der das erste Mal in den Achtzigerjahren in der Hacker-Szene auf sich aufmerksam machte. Ein böses Omen? 2001 bewahrte Schmitz den Online-Händler Letsbuyit mit seiner Beteiligungsgesellschaft Kimvestor vor dem Konkurs und kassierte bei dessen Börsengang kräftig ab.
Seine Seriosität und Geschäftspraktiken? Eher zwielichtig. Seine Vergehen: Urheberrechtsverletzungen und Geldwäsche in großem Stil. Diese Vorwürfe wurden umso lauter, nachdem Kimvestor Aktien angeboten haben soll, die nicht im Handelsregister verzeichnet waren. Ebenso unseriös waren die Geschäfte der Datentauschbörse Megaupload. Wir erinnern uns: Dort konnten Nutzer kostenlos Dateien wie Videos oder Musik hochladen und verteilen. Bis das neuseeländische Gericht ihn wegen Betrugs verurteilte. Seitdem versucht er seine Auslieferung an die USA zu verhindern.

Gerhard Bruckermann: überall und nirgendwo

Sei es, weil der Geldkoffer oder das Gewissen schwer sind – manchmal fällt es schwer, das passende Hideout zu finden. Wie auch, wenn es so viele schöne Ecken auf der Welt gibt.
Wie London. Diese altehrwürdige Stadt an der Themse, die sämtlichen Oligarchen Osteuropas sichere Zuflucht gewährt, bietet alles: ob ein Spaziergang um den Big Ben, eine Fahrt auf dem London Eye, ein kleiner Abstecher in den Buckingham Palace oder den Tower of London. Oder doch lieber mal bei Madame Tussauds neben Elvis, den Beatles oder der gesamten Königsfamilie stehen? Aber auch die Harry Potter Studios bieten Gelegenheit sich abzulenken.

Hideout: die Qual der Wahl

Zu regnerisch und nicht exotisch genug? Kein Problem! Wie wäre es stattdessen mit Kambodscha? Die Highlights: Angkor Wat, der größte und bekannteste Tempelkomplex des Landes, die wunderschönen Sandstrände in Koh Kong, die pulsierende Hauptstadt Phnom Penh oder eine unvergessliche Bootsfahrt über Kratie, Irrawaddy-Delphine und Mekong.

Genauso unentschlossen bezüglich seines Hideouts war auch Gerhard Bruckermann, der Hauptverantwortliche des Scheiterns der Immobilienbank Hypo Real Estate in der Finanzkrise 2008. So verwandelte der Manager die einst solide Pfandbriefbank Depfa in eine Aktiengesellschaft und machte aus ihr eine der profitabelsten Banken Europas mit einer Eigenkapitalrendite von über 30 Prozent. Als die Rendite zu schrumpfen begann, verkaufte er die zum Scheitern verurteilte Depfa an die Hypo Real Estate (HRE). Das Geschäft brachte ihm 100 Millionen Euro ein – und dem Staat ebenso viele Milliarden Verluste.
Als die HRE 2008 zusammenbrach, verschwand Bruckermann. Zwar heißt es, dass er Mikrokredite an mittellose Frauen in Entwicklungsländern vergibt, jedoch ist sein Aufenthaltsort bis heute unbekannt.

P.S.: Egal wohin Eure Reise Euch führt, denkt bitte daran, die Corona-Schutzmaßnahmen vor Ort einzuhalten.

Titelbild: © opolja / stock.adobe.com, Fractal Pictures / stock.adobe.com,
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