Es bewegt sich derzeit viel am deutschen InsurTech Markt. Die jüngste Nachricht, die für Aufsehen sorgte, kam, wie sollte es anders sein, aus der Hauptstadt. Das Startup Coya erhielt Ende Juni seine BaFin-Lizenz nach § 8 I Versicherungsaufsichtsgesetz für die Schaden- und Unfallversicherung. Die Vision des Unternehmens ist ambitioniert: Europas führende digitale Versicherung im Sachbereich zu werden. Grund genug, der Sache genauer auf den Grund zu gehen. NewFinance sprach mit Gründer und „Mastermind“ Andrew Shaw über die Geschichte hinter Coya und was in Zukunft von den Berlinern zu erwarten ist.

NewFinance: Andrew, die Idee zu Coya kam dir während einer Reise, auf der du dir eine Tropenkrankheit eingefangen hast. Wie genau lief der Entstehungsprozess dann weiter ab?

Andrew Shaw
Andrew Shaw, Gründer von Coya

Andrew Shaw: Bevor ich mit Coya angefangen habe, wusste ich schon, dass ich ein neues Projekt im Bereich Finance machen möchte. Die beiden Kernideen waren dabei, die User Experience zu verbessern und Entscheidungsfindungen zu beschleunigen. Als ich während einer Indonesienreise erkrankte, erlebte ich meinen eigenen Usecase: Es war fast unmöglich an meine Versicherungsunterlagen zu kommen. Ich zahlte zu viel für den Arzt, der mich behandelte und bekam die Kosten nicht erstattet. Das war frustrierend, und ich fühlte mich im Stich gelassen.

NewFinance: Also war das der Moment, in dem die Idee Gestalt annahm?

Andrew Shaw: Die Idee ja. Aber ernst wurde es erst, als ich mich mit einem alten Kollegen von Kreditech austauschte, Sebastián Villarroel. Er kannte sich besser in der Versicherungsbranche aus und brachte die richtige “Can do”-Einstellung mit. Anschließend habe ich das Konzept Christian Miele von e.ventures vorgestellt, dem die Idee sofort gefiel. Das war der Startschuss. Sehr kurz danach konnten wir erfahrene Leute wie Dr. Peter Hagen als Co-Founder mit ins Boot holen, zudem Thomas Muenkel (Vorstandsvorsitzender und Co-Founder) und Wolfgang Weiler (Anm. d. Red.: GDV-Präsident). So wurde die vage Vision zu einem konkreten Projekt.

NewFinance: Und jetzt habt ihr auch eine BaFin-Lizenz. Das war bestimmt nicht ganz einfach, oder?

Andrew Shaw: Die Lizenz zu bekommen, ist natürlich kein einfaches Unterfangen – das sollte auch so sein, denn schließlich geht es dabei um den professionellen Betrieb einer Versicherung. Spätere Versicherungsnehmer müssen sich darauf verlassen können, dass der gewählte Anbieter vertrauenswürdig, zuverlässig und zahlungsfähig ist. Das ist essentiell. Man kann dabei sehr innovativ sein und teils andere Wege gehen, muss jedoch stets den Anforderungen des Regulators entsprechen. Insgesamt dauerte der Zulassungsprozess knapp neun Monate ab Einreichung des Antrags.

„Am Ende umfasste unser Antrag über 1.000 Seiten – wir hatten Mühe, im Büro ausreichend Papier zum Drucken zu finden.“ Andrew Shaw, Founder von Coya

Neben dem regulatorischen Kapital wurde dabei besonders auf das Aufsetzen und die Dokumentation einer adäquaten Governance-Struktur und die angemessene Besetzung von Aufsichtsrat, Vorstand und Schlüsselfunktionen geachtet. Zudem wurde eine Inhaberkontrolle aller wesentlichen Anteilseigner der Coya AG durchgeführt. Natürlich müssen auch Veränderungen regelmäßig kommuniziert werden, etwa beim Personal.

NewFinance: Wie lief die Zusammenarbeit mit der BaFin ab?

Andrew Shaw: Sehr positiv. Wir haben viel Unterstützung erfahren und hatten einen regelmäßigen und wirklich guten Austausch mit der BaFin. Die Zulassungsbehörde investiert viel Zeit, um die Unternehmen zu prüfen.

NewFinance: Wie weit seid ihr mit der Produkt- und Plattformentwicklung?

Andrew Shaw: Intern läuft unsere Plattform bereits. Und sie funktioniert. Neben der Hausratversicherung, die wir als erstes an den Markt bringen werden, entwickeln wir aber zahlreiche weitere Produkte. Auch Unfallversicherungen sind in Arbeit. Wir werden unsere Produkte aber nicht nur über die eigene Plattform vertreiben, sondern auch über Partner. Beispielsweise Unternehmen aus dem Mobility- oder dem Immobiliensektor, um zusätzliches Volumen zu generieren.

NewFinance: Ihr betont immer wieder, dass künstliche Intelligenz bei euch eine große Rolle spielt. Kannst du das erläutern?

Andrew Shaw: Wir versuchen das Datenchaos der Branche zu beseitigen. Im traditionellen Versicherungsgeschäft gibt es viele Intermediäre, Policen über Policen. Bei uns gibt es das nicht mehr. Mithilfe von KI wollen wir den Schadensfall für den Kunden vereinfachen und besser verstehen, was er braucht. Gleichzeitig werden wir KI für unser Marketing verwenden. Auch im internen Risikomanagement und letztlich beim Pricing wird sie zum Einsatz kommen.

NewFinance: Wie werdet ihr euer Angebot zur Verfügung stellen? Wird es eine App geben?

Andrew Shaw: Wir werden zunächst mit einer responsiven Seite arbeiten; für die ersten Produkte, die wir anbieten werden, benötigen die Kunden keine App.

NewFinance: Wie unterscheidet sich Coya von der Konkurrenz?

Andrew Shaw: Mittlerweile beschäftigt sich jede Versicherung mit den Themen Digitalisierung und Kundenfokussierung – die Frage ist jedoch, ob die dortigen Rahmenbedingungen es überhaupt zulassen, digitale und kundenfreundliche Versicherungsangebote zu schaffen. Betrachtet man die Prozesse, Strukturen und Produkte eines traditionellen Versicherers, stellt man leicht fest, dass sie tatsächlich weit davon entfernt sind, wirklich kundenorientiert zu sein.

„Die Schadenbearbeitungszeit beträgt bei vielen Versicherungen zum Beispiel zwischen sechs und acht Wochen – die gleiche Zeit benötigt eine Schildkröte, um von Berlin nach Hamburg zu laufen.“ Andrew Shaw, Founder von Coya

Wer Vertragsänderungen machen möchte, muss häufig bei der jeweiligen Versicherung anrufen. Um einen Vertrag zu kündigen, muss in der Regel ein physischer Brief versendet werden, und dabei muss der Versicherungsnehmer über eine Kündigungsfrist von meist mehreren Monaten nachdenken. Man kann die Versicherungen, wie zum Beispiel eine Hausratversicherung, zwar online abschließen, muss sie dann jedoch an einen Offline-Broker weiterleiten. Kurzum: Kundenfreundlich ist das alles nicht und hat mit wahrer Kundenfokussierung nur wenig zu tun.

Wir möchten mit Coya deshalb ein Angebot schaffen, das Kunden mit ihren Bedürfnissen und Lebensstilen ins Zentrum rückt: verständliche Produkte, flexible Laufzeiten und schnellere Prozesse; alles jederzeit und überall mobil per Smartphone erreichbar. Wir finden eine Beratung auf Basis der individuellen Situation und eine Anpassung des Schutzes an individuelle Lebenssituationen fairer als starre Verträge. Daneben möchten wir transparent im Preis sein. Der Kunde sollte für seinen Schutz bezahlen, nicht mit einem großen Teil seiner Prämie für den Vertrieb.

NewFinance: Wie bewertest du allgemein die Situation am Markt?

Andrew Shaw: Zurzeit bewegt sich wirklich viel. Ich glaube, dass es Raum für viele Anbieter auf dem Markt gibt – am Ende wird es auf die Spezialisierung ankommen. Traditionelle Versicherer werden, wenn sie sich nicht an den aktuellen Entwicklungen beteiligen, in den kommenden fünf bis zehn Jahren sukzessive größere Marktanteile verlieren. Traditionelle Strukturen und die IT-Seite hemmen dabei oft die Innovationsgeschwindigkeit in den großen Unternehmen. Die Führungsetagen müssen viele Interessen, gerade intern, gegeneinander abwiegen. Das ist eine schwierige Aufgabe.

„Traditionelle Versicherer werden, wenn sie sich nicht an den aktuellen Entwicklungen beteiligen, in den kommenden fünf bis zehn Jahren sukzessive größere Marktanteile verlieren.“ Andrew Shaw, Founder von Coya

NewFinance: Glaubst du, dass ein Umdenken in der Branche stattgefunden hat?

Andrew Shaw: Ja, aus meiner Perspektive auf jeden Fall. Die großen Unternehmen sind wesentlich offener für Neues. Auch wir haben bereits mehrere Kooperationsangebote bekommen. Manche wollen unsere neuen Vertriebskanäle für ihre Produkte nutzen oder gemeinsam mit uns neue Produkte entwickeln. Dabei sind wir auch offen, mit Partnern neue innovative Produkte zusammen auf den Markt zu bringen. Am Ende geht es uns darum, wovon die Kunden am meisten profitieren. Und in einem langfristig erfolgreichen Modell sind Partnerschaften ein fester Bestandteil.

NewFinance: Andrew, vielen Dank für das Gespräch!

Titelbild: © Coya AG / Christian Manthey; Beitragsbild: © Coya AG

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