Kommentar

Jeder hat es sich mal vorgestellt. Der leichte Maßanzug sitzt, die edlen Manschettenknöpfe funkeln ebenso wie der schwarze Lack des vorfahrenden Maybachs. Himmelhohe Bürogebäude ziehen während der sanften Fahrt vorbei. Termine werden besprochen. Business-Lunches mit internationalen Partnern ausgemacht. Geschäfte vereinbart. Ein zufriedenes Lächeln umspielt die Lippen, während man durch den massiven Haupteingang der im weißen Marmor gesäumten Lobby seines Unternehmens geht. Alles schreit: Du hast es geschafft! Und kaum gewöhnt man sich an den Gedanken – zerplatzt der Tagtraum. Geld, Macht und Ruhm in weiter Ferne. Wie bekomme ICH das wieder hin?

Traue niemanden, der es geschafft hat

Mit einem guten Ratgeber. Aber bevor Hals über Kopf zu Donald Trumps „The Art of the Deal“, oder „The Warren Buffett Way: Investment Strategies of the World’s Greatest Investor“ von Robert G. Hagstrom gegriffen wird: Durchatmen. Welches Buch passt zu meinem Ziel? Sun Zsu’s „Die Kunst des Krieges“? Unwahrscheinlich. Die „Gespräche“ von Konfuzius? Unnötig formell. „Selbstbetrachtungen“ des römischen Kaisers Marcus Aurelius? Zu altbacken. All diese Menschen schrieben ihre Tipps, Tricks und Ratschläge nach ihrem Erfolg. Oder von einer hohen Position aus. Wie schafft es aber der kleine Mann?

Indem er auf die Realpolitik hört. Und auf Niccolo Machiavelli. Denn hier schreibt kein Coach oder selbsterklärter Experte, der mit Business-School-Plattheiten, allgemeinen Phrasen und Klischeeaussagen Geld, Macht und Ruhm verspricht.

Machiavelli: Der Fürst

Der Name des florentinischen Diplomaten fungiert heutzutage als Synonym für skrupellose Machtpolitik und Intrigen. Auch nach 500 Jahren. Machiavellis Kernaussage: Erfolg ist das Maß aller Dinge.

Niccolo Machiavelli
Niccolo Machiavelli

Oder: Der Zweck heiligt die Mittel. So rechtfertigt er Grausamkeit, Lug, Betrug, Ausbeutung, Brandschatzung, gewaltsame Übernahmen und kriegerische Präventivmaßnahmen. Sofern sie zur Macht führen. Ist das wirklich so? Ja. Und Nein. Denn sobald man das recht überschaubare Buch liest, bleibt die Erkenntnis: Seine Motivation war Liebe, nicht Hass.

Schein statt sein

Denn Machiavelli liebte Italien. Es brach ihm das Herz sein Land in kriegerischen Auseinandersetzungen zu sehen. Egal ob der Kampf unter Nachbarn oder das sich ständig verschiebende Machtgefüge zwischen einflussreichen Familien und Kaufleuten. Er stand für die freie Republik und verabscheute die Herrschaft der Medici. Sein Antrieb und sein Untergang. Zugleich war er aber Realist und erkannte früh das Wesen der politischen Macht als „Ringen von Interessen und sozialen Schichten“. Wer Gutes tut, erntet nicht nur Gutes. Und wer gut und ehrlich ist, kommt zumeist nicht nach ganz oben. Welche Ratschläge hat also der große Gescheiterte für die Guten?

Warum Hollywood lügt

Weil der Gute schlussendlich immer gewinnt. Zumindest in den meisten Filmen. Er überwindet seine Zweifel, wächst über sich hinaus, verzeiht Freund und Feind, besiegt den Schurken und bekommt das Mädchen. Realitätsgetreu? Nein.

Denn einer der Gründe, warum der Gute in der echten Welt nicht sonderlich weit kommt, ist: Er ist nicht bereit alles zu tun. Du willst in die Politik, aber nicht über Leichen gehen? Keine Chance. Du willst große Investitionen wagen, aber nicht das Geld deiner Partner dabei aufs Spiel setzen? Kein Erfolg. Du willst dein Unternehmen nach vorne bringen, aber nicht den gutherzigen aber unproduktiven Mitarbeiter entlassen? Kein Aufstieg. Der Weg bis zum Ziel muss gegangen werden. Mit allen Mitteln. Und eben das „lehrt“ Machiavelli.

Die Moral bin ich

Mahatma Gandhi
Mahatma Gandhi

Ebenso sind Prinzipien und Moral hinderlich. Intrige, Schattenvereinbarungen und schmutzige Deals sind nur dann schlecht, wenn sie uns dem Ziel nicht näher bringen. Lügen, Fake News und Gewalt als Werkzeug sind dabei ebenso legitim wie das Umschmeicheln und Verführen des Gegenübers. Ghandi hatte friedliche und ehrwürdige Ziele? Zweifelsohne. Doch schnell rückt da seine negative Haltung gegenüber Schwarzen sowie Frauen in den Hintergrund. So verbot Ghandi seiner Frau die Einnahme eines Mittels gegen Malaria mit der Begründung, dass ihr Körper noch nicht soweit sei. Sie starb. Als er selbst erkrankte, nahm er es umgehend und ohne weitere Bedenken.

Che Guevara
Che Guevara

Che Guevara war ein Romantiker und wollte die Macht dem Volke zurück bringen? Stimmt. Aber schnell werden die unzähligen Erschießungen und willkürlichen Verhaftungen vergessen, die dieser nach der Machtergreifung und Befreiung Kubas persönlich unterzeichnete.

So ist das nicht

Die Ansicht, dass die Welt gerechter werde, wenn man freundlich auf Ungerechtigkeiten hinweist, ist falsch. Ebenso wie der Versuch, die Menschen nicht mit Clickbait, Unterhaltung, sondern mit intellektuellem Wissen zum Besseren zu erziehen. Für eine nette und zuvorkommende Welt sollte auch jene Nettigkeit und Zuvorkommenheit gegenüber Mördern, Vergewaltigern und Räubern angewandt werden. So Immanuel Kant. Theoretisch eine noble Idee. Doch leider funktionieren unsere Welt und das gesellschaftliche System des Miteinanders so nicht.

“Der Mensch ist von Grund auf gut. Er wird sich immer ausrichten, Gutes zu tun”

Zementiert wurde dies, nach Machiavellis Ansicht, durch den vorherrschenden christlichen Glauben in der westlichen Welt. Vorbild: Jesus. Er hielt die andere Wange hin. Wusch und pflegte Kranke und Sterbende. Auch bei Ansteckungsgefahr. Er opferte sich schlussendlich für das Allgemeinwohl. Doch Machiavelli bemerkte, dass aus rein praktischer Sicht das Leben Jesu eine Qual und ein absoluter Misserfolg war. Denn nicht nur, dass er verfolgt wurde, ebenso gequält und gefoltert. Er wurde missverstanden und nicht akzeptiert. Geld, Macht und Ruhm zu Lebzeiten? Keine Spur davon.

Das Ziel vor Augen

Der Fürst als Schriftstück ist also keine Anleitung zum „böse sein”, vielmehr ein Ratgeber um effektiv Ziele zu erreichen. Moderne Vorbilder wie Mark Zuckerberg, Steve Jobs oder Elon Musk bilden in dem Schema Machiavellis keine Ausnahme. Auch sie stahlen, betrogen, übernahmen und eigneten sich an. Und stehen jetzt an der Spitze.

Der Ehrliche sollte vom Unehrlichen, der Polizist vom Gangster, und der Friedensaktivist vom Kriegstreiber lernen.

Nach Machiavelli sind wir das Gesamte unserer erreichten Ziele. Nicht von denen, an denen wir nur teilnahmen. Wenn wir also ausschließlich nett sind, weise handeln und Gutes tun, kommen wir nicht weit. Die andere, fremde, schlechte und böse Sichtweise zumindest zu kennen ist ebenso wichtig. Manchmal ist es sinnvoller, nach Effektivität zu streben, als allzeit nett und zuvorkommend zu sein. Es ist schließlich unser Ziel, etwas zu bewegen oder zu erreichen. Darauf sollten unsere Handlungen ausgelegt sein. Das Wie ist dabei zweitrangig.

Bild: © Machiavelli (Wikimedia),Von Santi di Tito – Diese Datei ist ein Ausschnitt aus einer anderen Datei: Santi di Tito – Niccolo Machiavelli’s portrait.jpg, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=934426
Bild: © Ghandi (Wikimedia) By Unknown – https://www.flickr.com/photos/55638925@N00/255569844/, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2369294
Bild: © Guevara (Wikimedia), Von Alberto Korda – Museo Che Guevara, Havana Cuba, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6816940
Titelbild ©: nuvolanevicata / Fotolia.com

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