Psychische Erkrankungen sind ganz normale Erkrankungen. Dieses Credo von Psychologie, Psychotherapie und Medizin scheint endlich auch in der Mitte der Gesellschaft angelangt zu sein. Ein Großteil der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer scheut sich nicht mehr davor, bei psychischen Leiden Krankschreibungen einzureichen, die das Kind auch beim Namen nennen.

Depressionen sind nicht „Rücken”

Somatisieren heißt dieses Phänomen in der Fachsprache, wenn Betroffene sich ihr seelisches Leid nicht eingestehen wollen oder können. Stattdessen behaupten sie etwa Kopf-, Rücken- oder Bauchschmerzen zu haben, die sie real auch verspüren. Laut DAK-Psychoreport somatisieren immer weniger Deutsche. Im Gegenteil, Arbeitshinderungsgründe werden klarer benannt. Erstmals im Jahr 2014 stiegen psychische Leiden mit 1,9 Millionen Krankschreibungen. Diese verdreifachten sich auf die letzten fünfzehn Jahre betrachtet und sind damit auf Platz zwei der häufigsten Krankheitsarten. Umgerechnet wäre das etwa jeder zwanzigste Arbeitnehmer.

Verbesserte Diagnostik bei Depression

Krankschreibungen aufgrund anderer Leiden gingen hingegen zurück. Die Ergebnisse zeigen laut Report jedoch keine Umstrukturierung von Erkrankungsverhältnissen. Sie sind vielmehr ein Indikator dafür, dass die Symptome psychischer Leiden deutlich häufiger diagnostiziert und seltener versteckt werden. Unberührt davon liegen Rückenprobleme und Beeinträchtigungen des Muskel-Skelett-Systems nach wie vor an der Spitze der Krankschreibungsgründe. Während die Diagnosen von Burn-out zurückgehen, werden insgesamt mehr Anpassungsstörungen durch zu hohe Belastung und Stress festgestellt. Die häufigste Form psychischer Erkrankungen bleiben weiterhin Depressionen mit 112 Fehltagen je 100 Versicherter.

Problem: Therapieangebot

Obwohl sich für Arbeitgeber bezüglich Menge und Frequenz an Krankschreibungen fundamental nicht zwangsläufig Umwälzungen ergeben, stehen sie wie Versicherte gleichwohl vor dem Problem einer mangelnden Anzahl an Therapieplätzen. Daher liegt es nicht zuletzt auch im Interesse der Arbeitgeberseite, sich für ein umgreifendes Therapieangebot einzusetzen und sich strukturellen Ungleichheiten entgegenzustellen. Größere Unternehmen beschäftigen darüber hinaus immer häufiger Betriebspsychologinnen und -psychologen, die auch auf die privaten Belange der Angestellten eingehen. Krankenkassen bieten vermehrt „Erste Hilfe“ Angebote via Internet an, die die langen Wartezeiten von durchschnittlich sechs Monaten überbrücken sollen.

Privattherapien werden leistbarer

In dringenden Fällen ist es dem Arbeitnehmer jedoch möglich, schneller einen Therapieplatz zu bekommen, selbst wenn viele approbierte Therapeuten nur privat (ohne Kassenzulassung) abrechnen. Über den Weg des sogenannten Kostenerstattungsverfahrens (§ 13 Absatz 3 SGB V) ist es möglich, die Kosten von der jeweiligen Krankenkasse zurückzufordern. Allerdings ist auch hier häufig Beharrlichkeit gefragt. Es muss schriftlich nachgewiesen werden, dass der oder die Erkrankte diverse Therapeuten aufgesucht und dort jeweils eine unzumutbare Wartezeit von mindestens drei Monaten gehabt hätte. Sofern die Kostenerstattung von der Kasse genehmigt wurde, sollte dann mit dem Therapeuten nochmals abgeklärt werden, ob nicht doch eventuelle Kosten, wie zum Beispiel für das Erstgespräch, vom Patienten zu tragen sind.

Titelbild: © Antonioguillem

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