Im noblen Humboldt-Carré in Berlin Mitte begrüßte Felix Anthonj, CEO und Mitgründer von Flexperto, am Dienstagmorgen seine Gäste. Knackige Use Cases und hochkarätig besetzte Panels hatten zahlreiche Zuschauer zur Digisurance 19 gelockt. Gemeinsam mit Co-Moderatorin Marina Zubrod, Founder und Managing Director bei ZM Advisory, führte er durch die Veranstaltung. Die Prognosen indes waren nichts für schwache Nerven. Denn eins wurde im Tenor vielfach formuliert: Wer nicht liefert, wird nicht überleben.

„Wollen Paypal für Identitätsfeststellung werden“

Volles Haus bei der Digisurance 19
Volles Haus bei der Digisurance 19.

Die Use Cases in diesem Jahr waren höchst divers. Ein wichtiges Thema: Automatisierung unter dem Stichwort „Künstliche Intelligenz (KI)“. Im gemeinsamen Projekt der R+V und des Start Ups Nect stellte ein Bot etwa die Identität eines Versicherungskunden fest. Bei der AXA kreierte das Start Up Botconnect Vertriebsansätze für Service-Center-Mitarbeiter mittels Machine Learning. Ein Chatbot macht den Mitarbeitern dabei Empfehlungen für das Kundengespräch.

AXA und Botconnect
AXA und Botconnect zeigen Cross-Selling-Potenziale.

Besonders spannend: Das Service-Center könnte sich so zu einer zusätzlichen Einnahmequelle für Versicherungsunternehmen entwickeln. Ob das wiederum den Stammvertrieben schmeckt, bleibt abzuwarten. Laut Sarah Honnen, Projektleiterin auf Seiten der AXA, stecken aber auch tiefere Frage hinter dem Ganzen: „Können wir als Konzern mit den vielen Daten und einem Start Up überhaupt etwas sinnvolles anfangen?“ Die erste Testphase zeigt: Ja, die AXA kann.

Es kommt anders als gedacht

Fynn Monshausen von Roland Rechtsschutz und Nick Sühr von KASKO präsentierten in ihrem Fallbeispiel, wie schnell ein Versicherer von Produktdigitalisierung zu Whitelabel-Lösungen für Vertriebspartner kommt. Die zugrundeliegende Erkenntnis für Monshausen. „Wir verstehen das Produkt falsch“. Denn Versicherer könnten sich längst nicht mehr nur als Risikoträger begreifen.

„There is no free lunch“

Das InsurTech Allstars Panel
Das InsurTech Allstars Panel im Gespräch.

Im Diskussionspanel der InsurTech „Allstars“ herrschte in großen Teilen Einigkeit. Die Zeit des „Wir machen mal ne App“ sei vorbei, konstatierte der anerkannte FinTech & InsurTech-Experte Timo Dreger. Das hätten nicht zuletzt auch die massiven Fundings für deutsche Start Ups wie WeFox, Friday, Element und andere gezeigt. „Neun von zehn Start Ups werden sterben. Das ist Fakt“, prognostizierte Dreger. Denn bei einer Sache waren sich alle Panelteilnehmer einig: InsurTechs müssten jetzt liefern. Insbesondere diejenigen, die sich über Venture Capital finanzieren.

„Emojis sind wichtig“ oder: WhatsApp im Vertrieb geht doch

Digisurance 19
Felix Anthonj und Mehmet Türker präsentieren ihre WhatsApp Lösung.

Bereits 2018 präsentierte Felix Anthonj auf der Digisurance die neue Einbindung von WhatsApp in Flexpertos Communication Cloud. Dieses Jahr konnte er gemeinsam mit Mehmet Türker, Vertriebsspezialist bei der DEVK, den Piloten präsentieren. Für die Umsetzung im gesamten Stammvertrieb fehlt noch die finale Freigabe. Aber sollte diese in den nächsten Tagen erfolgen, wäre die DEVK der erste große deutsche Versicherer, der WhatsApp im persönlichen Vertrieb offiziell einsetzt. Möglich ist dies über die Business Schnittstelle von WhatsApp, für die Unternehmen sich eigens akkreditieren müssen. Datenschutzprobleme wie Serverstandorte und der Zugriff auf die Kontakte des Nutzers sind mit der Schnittstelle ausgeschlossen. „Auch die Löschung der Daten auf Anfrage klappt“, erklärte Mehmet Türker dem Publikum.

Kooperation trotz gegenseitigen Misstrauens?

Etwas weniger Einigkeit als bei den InsurTech Allstars herrschte im Panel der Vorstände. Ist es für Versicherer ein lohnendes Geschäftsmodell, IT-Lösungen einzukaufen oder zu entwickeln und anderen Marktteilnehmern zur Verfügung zu stellen? Für Martin Gräfer, Vorstandsmitglied der Bayerischen, führt an diesem Modell kein Weg vorbei. Denn nur so könne der Mittelständler seine eigenen Innovations-Prozesse finanzieren. Und den „Innovationsdruck“, so Oliver von Ameln, Geschäftsführer von adesso Insurance Solutions, gebe es durchaus.

„Das Thema Versicherungstechnik ist zu komplex. Und niemand versteht es besser als der Versicherer selber. Und das sage ich jetzt als IT-Dienstleister. Ich kann kaum einem Versicherer das Wasser reichen, was das Gesamtverständnis seiner Geschäftsprozesse angeht. Diese Demut habe ich mir mit vielen blauen Augen erarbeitet.“ Oliver von Ameln, Geschäftsführer adesso insurance Solutions

Daher setzt auch die von Natur aus eher argwöhnische Versicherungswirtschaft immer mehr auf Kooperation. Etwa im Bereich Standardsoftware, wie Gothaer IT-Vorstand Mathias Bühring-Uhle erklärte: „Wir nutzen bereits mit mehreren Versicherern gemeinsam ein CRM-System.“

Buzzword ahoi: Auf der Suche nach „Ökosystemen“

Vorstandspanel
Vom Versicherer zur Tech-Bude? Die Vorstände diskutieren.

Auch eines der wichtigsten Buzzwords der Branche schaffte es in das Vorstandspanel der Digisurance 19: „Ökosysteme“. Mathias Bühring-Uhle brachte es auf den Punkt: „Die Ökosysteme sind für uns Versicherer überlebenswichtig, um für den Kunden relevant zu bleiben“, erklärte der Gothaer IT-Vorstand. Dr. Angelo O. Rohlfs, Vertriebs-Vorstand der VHV, pflichtete seinem Kollegen bei und betonte, dass der Aufbau solcher Systeme insbesondere auf Integration und Kooperation setze.

Oliver von Ameln argumentierte, dass die bloße Kontaktfrequenz von Versicherungsunternehmen und Kunden bereits gegen den eigenständigen Aufbau von Ökosystemen spreche. Die sei schlicht zu niedrig. Stattdessen müssten Versicherungsunternehmen sich überlegen, ihre Dienstleistungen und Angebote andernorts integrieren. Vielleicht sogar bei Google oder Amazon.

„Der Kampf um die Kundenschnittstelle ist gegenüber Amazon und Google verloren.“ Oliver von Ameln, Geschäftsführer adesso insurance Solutions

Martin Gräfer wollte das so nicht stehen lassen. Manchmal müssten Versicherer sich zwar als Produktgeber in dritte Systeme einfügen („So what?!“). Aber er glaube dennoch an die Chance, auch rein aus Versicherer Perspektive Ökosysteme aufbauen zu können. Eine essentielle Rolle kommt für Gräfer dabei weiterhin dem persönlichen Berater zu. Beispiele für ein bestehendes Ökosystem hatte jedoch keiner der Diskutanten an der Hand.

Frauenquote (noch) Fehlanzeige: Wo bleibt Power Girl?

Was traurigerweise auch in der digitalen Versicherungswelt zutrifft, ist der Begriff „Männerdomäne“. 2018 etwa war keine einzige weibliche Speakerin bei der Digisurance 19 dabei. In diesem Jahr war das glücklicherweise anders. Denn mit Moderatorin Marina Zubrod, Sarah Honne, Projektspezialistin für Digitalisierung bei der AXA und Panelteilnehmerin Antonia Ermacora waren dieses Mal gleich drei Frauen auf der Bühne. Ein Vorgeschmack darauf, welchen Impact die nachrückenden Frauen in der Branche haben werden.

Titelbild: ©NewFinance Mediengesellschaft

Beitragsbilder: ©Flexperto; ©NewFinance Mediengesellschaft

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