Notgeld der Farbwerke Hoechst, 3 Mio. Mark, August 1923

Deutschland, 1923: Die Preise explodieren. Kostete Mitte des Jahres ein Ei noch 800 Reichsmark, musste man Ende des Jahres 320 Milliarden dafür ausgeben. Menschen gehen mit Schubkarren voll Geld zum Bäcker, Geldscheine sind als Brennmaterial wertvoller als als Zahlungsmittel. Die Ersparnisse von Generationen werden binnen weniger Monate wertlos. Die extreme Inflation in den 1920ern ist als Trauma vielen Generationen in Erinnerung geblieben.

Geldauslieferungsstelle (Sammelstelle) in der Berliner Reichsbank, Oktober 1923

Angebot und Nachfrage

Um so etwas zu verhindern, gibt es heute Organe wie die Europäische Zentralbank (EZB) oder die Fed (Federal Reserve) in den USA. Sie sollen die Preisstabilität im jeweiligen Währungsraum gewährleisten, also dafür sorgen, dass die Waren langfristig nicht übermäßig teurer oder billiger werden. In unserem Wirtschaftssystem werden Preise durch Angebot und Nachfrage bestimmt. Wenn die Nachfrage nach Produkten bei gleichbleibendem Angebot steigt, oder das Angebot bei gleichbleibender Nachfrage knapper wird, steigen die Preise, das Geld wird weniger wert und es kommt langfristig zur Inflation.

Deflation lähmt die Wirtschaft

Problematischer für die Wirtschaft ist jedoch die Deflation, also eine langfristige Wertsteigerung des Geldes, die durch sinkende Nachfrage und ein steigendes Angebot an Produkten entsteht. Wenn die Waren dadurch immer billiger werden, werden die meisten Menschen Käufe und Anschaffungen in der Hoffnung auf einen noch günstigeren Preis immer weiter hinausschieben. Das lähmt die Wirtschaft. Wenn das Geld dagegen immer weniger wert wird, treibt das die Menschen in die Geschäfte. Deshalb ist das Ziel der EZB eine leichte Inflation von ungefähr zwei Prozent.

Leitzins

Das wichtigste Instrument, um dieses Ziel zu erreichen, ist der Leitzins. Die EZB ist Bank der Banken, bei der Kreditinstitute Geld deponieren und leihen können. Wenn aufgrund von hoher Nachfrage die Preise zu schnell steigen und eine übermäßige Inflation droht, dreht sie an der Zinsschraube und erhöht den Leitzins – das heißt, die Banken bekommen hohe Zinsen auf ihre Einlagen bei der EZB, müssen für Kredite aber auch hohe Zinsen zahlen. Das legen sie entsprechend auf Kredite und Sparzinsen ihrer Kunden um. Dadurch – so die Idee – wird Sparen statt Ausgeben angeregt, die Nachfrage sinkt.

Niedrigzinspolitik

Andersherum, bei niedriger Nachfrage und drohender Deflation, senkt die EZB den Leitzins. Kredite sind dann günstig zu haben, aber auf Sparguthaben gibt es aber nur wenig Zinsen. Davon erhofft sich die EZB Anreize zum Geldausgeben, steigende Nachfrage, mehr Investitionen und letztendlich eine höhere Wirtschaftsleistung. Diese Niedrigzinspolitik wird aktuell von der EZB extremer denn je betrieben. Im März letztes Jahres hat sie den Leitzins auf null Prozent gesetzt, Banken können also ohne Zinsen bei ihr Geld leihen. Um Geld bei der EZB zu deponieren, müssen sie sogar Negativzinsen von 0,4 Prozent zahlen. Das soll auch dieses Jahr so bleiben. In den USA ist dagegen eine Anhebung des Leitzinses zu erwarten.

Auswirkungen auf die Sparer

In Europa profitieren Kreditnehmer von der Niedrigzinspolitik der EZB, Sparer haben dagegen das Nachsehen. Die Verzinsung auf Sparkonten und Anleihen ist kaum mehr nennenswert. Auch Lebens- und Rentenzusatzversicherungen sind betroffen, denn auch die Versicherer legen das Geld am Kapitalmarkt an. Wer noch eine Lebensversicherung mit hohem Garantiezins hat, darf sich freuen. Wer auf eine hohe Überschussbeteiligung gehofft hat, sieht jetzt seine Altersvorsorge bedroht. Doch es gibt Alternativen: Aktien sind nicht von der Niedrigzinspolitik betroffen, Eigentum zum Beispiel von Immobilien lohnt sich sogar noch mehr.

Titelbild: © Bundesarchiv, Bild 102-00134, Bilder: © Bundesarchiv, Bild 183-R1215-506, Farbwerke Meister Lucius und Brüning, 

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