EC-Karte, Überweisung, Kreditkarte, Paypal, Lastschrift – Bezahlen geht längst ohne Bargeld. Warum brauchen wir die Münzen und Scheine überhaupt noch? Heute hat doch eh jeder seine Karten im Geldbeutel und sein Smartphone in der Hosentasche. Wozu also noch die lästigen Gänge zum Geldautomaten, das ewige Gesuche im Kleingeldfach an der Supermarktkasse, die überall herumfliegenden Münzen? Einige Ökonomen propagieren längst die Vision einer „Cashless Society“ – während andere entschieden davor warnen.

Ohne Bargeld weniger Kriminalität

Das entschiedenste Argument gegen das Bargeld ist die Kriminalität. So will zum Beispiel Havard-Professor Kenneth Rogoff – einer der lautesten Befürworter einer drastischen Reduzierung des Bargelds – mit dessen Abschaffung illegale Geldgeschäfte durch organisiertes Verbrechen und terroristische Gruppen unterbinden. Auch Steuerhinterziehung, beispielsweise durch Schwarzarbeit, soll ohne Bargeld schwieriger werden. Ohne Bargeld gäbe es kein Falschgeld mehr und das gesamte Geldsystem wäre deutlich günstiger. Gleichzeitig ist der Wunsch nach der Abschaffung des Bargelds getrieben von der Angst vor einem Kollaps des Finanzsystems in einer Bankenkrise. Die Gefahr eines Runs auf die Einlagen der Sparer wäre ohne Bargeld gebannt.

Negativzinsen sollen die Wirtschaft ankurbeln

Für den US-Ökonom und ehemalige Finanzminister Larry Summers eröffnet die Abschaffung des Bargelds neue Möglichkeiten der Wirtschaftspolitik durch Negativzinsen. Bereits jetzt müssen Banken, die bei der europäischen Zentralbank Geld horten, Negativzinsen zahlen. Dadurch will die EZB die Kreditvergabe und damit die Konjunktur anregen. Diese Negativzinsen auf Sparer umzulegen, ist bisher schwer möglich: Anstatt das Geld auf dem Konto schrumpfen zu sehen würden die Bürger ihr Erspartes in Bargeld lagern. Doch laut Larry Summers könnten solche Negativzinsen für Anleger den Konsum fördern und die westliche Wirtschaft vor der Stagnation bewahren.

Bürger hilflos an die Banken ausgeliefert?

Die Gegner der Bargeldabschaffung sehen dagegen die Ersparnisse der Bürger wehrlos an die Banken ausgeliefert. Egal, ob die Banken bankrottgefährdet sind, die Sparer sind gezwungen, ihr Geld ihnen anzuvertrauen. Mit einem sogenannten Bail-in können Anleger jetzt schon bei der Bankensanierung herangezogen werden: Laut der Regelung dürfen Gläubiger beteiligt werden, um bei drohender Zahlungsfähigkeit Schulden abzuwickeln – und die Gläubiger sind im Fall der Banken die Sparer. Letztendlich würde eine Abschaffung des Bargelds vor allem den Banken nützen, schließlich konkurriert ihre Buchgeldzahlungsmethode mit dem staatlichen Bargeld. Ohne Bargeld müssten alle auf Buchgeld zurückgreifen – und die Banken würden höhere Gewinne einfahren.

Abbau der Privatsphäre

Die größte Sorge der Bargeld-Verteidiger ist jedoch die Privatsphäre. Ohne Bargeld wären keine anonymen Zahlungen mehr möglich – der gläserne Bankkunde wäre Realität. Dann kennt mein Bankberater mein komplettes Kaufverhalten und weiß damit auch wo ich mich aufhalte, was ich esse, lese, benutze, ob ich trinke oder spiele, wie es um meine Gesundheit bestellt ist, ob ich schwanger bin. Eigentlich sind all diese Daten durch das Bankgeheimnis Dritten wie meinem Arbeitgeber, meinen Nachbarn oder Konzernen auf der Suche nach Kunden geschützt. Doch schon heute wird es durch Fintechs umgangen: Beispielsweise änderte Paypal 2015 seine AGBs derart, dass das Unternehmen nun relativ frei über die Daten der Zahlungen seiner Kunden verfügen kann – obwohl das der deutschen Gesetzeslage widerspricht.

Schweden und Indien machen es vor

Dabei ist die bargeldlose Gesellschaft längst nicht mehr ferne Zukunftsmusik. In vielen Staaten, beispielsweise in Italien und Frankreich, gibt es Obergrenzen für Zahlungen mit Bargeld. In Schweden wird Bargeld nicht durch Verbote, aber Infrastruktur zurückgetrieben: Einige Banken geben dort bereits kein Bargeld mehr aus, manche Geschäfte nehmen keine Münzen und Scheine mehr an. Noch aggressivere Versuche gibt es in Schwellenländern, wie sich kürzlich in Indien gezeigt hat: Im November letzten Jahres erklärte die Modi-Regierung alle 500- und 1.000-Rupien-Scheine für ungültig – und damit 80 Prozent des Bargelds. Das Land will eine Vorreiterrolle bei der Entwicklung eines bargeldlosen Finanzsystems einnehmen. Doch da viele Inder nicht mal ein Bankkonto besitzen, um die ungültigen Scheine umzutauschen, musste die Maßnahme zurückgezogen werden. Nichtsdestotrotz gab es weltweit großes Interesse am Vorgehen Indiens.

Deutsche Gesetze schützen das Bargeld

In Deutschland sieht die Lage dagegen eher bargeldfreundlich aus. Die deutsche Bundesbank verteidigt das physische Geld und auch die Bundesregierung will die Entscheidung über das Zahlungsmittel den Bürgern überlassen. Außerdem schützt es die Gesetzeslage hierzulande , wie Wirtschaftsjournalist Norbert Häring in seinem Buch „Die Abschaffung des Bargelds und ihr Folgen“ beschreibt. Sowohl im EU-Vertrag als auch im Gesetz über die deutsche Bundesbank steht, dass Euroscheine und -münzen das einzige gesetzliche Zahlungsmittel sind, das dementsprechend „niemand zur Erfüllung einer Geldforderung ablehnen kann, ohne rechtliche Nachteile zu erleiden“. In diesem Sinne gilt tatsächlich: Nur Bares ist Wahres. Um die gesetzliche Regelung zur Geltung kommen zu lassen, kämpft Häring gerade vor Gericht darum, seinen Rundfunkbeitrag bar bezahlen zu dürfen.

Staatliches Buchgeld als Lösung

Manche der Befürworter mögen mit Ausdrücken wie dem „Anti-Bargeld-Kartell“ oder „Anti-Bargeld-Kriegern“ wie Verschwörungstheoretiker klingen. Andere Befürchtungen wie die, der Staat könnte Sparern einfach Geld vom Konto abziehen, sind oft mehr Meinungsmache als rationale Argumentation. Doch die seriösen Kritiker überwiegen – und machen zum Teil konkrete Gegenvorschläge: Für Norbert Häring könnte beispielsweise ein staatliches Buchgeld die Sicherheit von Bargeld und den Komfort des Buchgelds der Banken vereinen.

Titelbild: © napa74/Fotolia

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