Vor einer Weile stellten die DIA-Gründer Roger Peverelli und Reggy de Feniks ein Whitepaper vor, in dem sie vier Trends für die Versicherungsbranche nannten, die sich aus der Corona-Krise ergeben (wir berichteten). Im Interview verrät Roger Peverelli Details dazu.

Redaktion: In Ihrem Whitepaper heißt es “Health First” – die Versicherungsgesellschaft ist kein einfacher Risikoträger mehr. Was ist stattdessen ihre Aufgabe?

Roger Peverelli: “Stattdessen” gibt es nicht. Wir glauben, dass Versicherer zusätzlich zu ihrer Risikoabdeckung verschiedene Gesundheitsservices anbieten sollten. Das wird die nächste große Grenze der Innovation sein. Wenn in den vergangenen Wochen und Monaten eines klar geworden ist, dann dass am Ende des Tages nichts wichtiger ist als unser Leben und unsere Gesundheit. Die Menschen essen gesünder und kümmern sich mehr um ihre Fitness. Dass das Virus bei Menschen mit Übergewicht oder ein bisschen überschüssigem Fett Komplikationen auslösen kann, spielt da ebenfalls eine Rolle. Wir wissen außerdem, dass es eine ganze Weile lang dauern wird, bis ein funktionierender Impfstoff entwickelt wird. Anstatt einfach darauf zu warten, können wir einer Erkrankung präventiv entgegenwirken und einen gesünderen Lebensstil verbreiten.

Redaktion: Welche Auswirkungen hätte das auf die Branche?
Roger Peverelli, DIA-Gründer

Roger Peverelli: Versicherer sollten hier eine aktive Rolle einnehmen oder sogar die Führung übernehmen. Mit den richtigen Services können sie Kunden dabei unterstützen, einen gesünderen Lebensstil zu führen. Der Mehrwert eines Versicherers verlagert sich von der Deckung des Risikos bei Schäden hin zur Erbringung proaktiver und vorbeugender Dienstleistungen als wesentlichem Bestandteil des Angebots. Dies würde auf der Stelle den sozialen Einschlag der Versicherungswirtschaft verstärken.

Redaktion: Und welche Services könnten diese Strategie unterstützen?

Roger Peverelli: Zum Beispiel gibt es da Gesundheits- und Wellnessplattformen wie dacadoo, PAI Health oder Wellmo. All diese Plattformen kombinieren Self-Tracking, Datensammlung und alle möglichen Anregungen, um Kunden zu gesünderen Gewohnheiten zu bewegen. Plattformen wie diese werden in Zukunft sogar noch relevanter werden als sie ohnehin bereits sind. In Kombination mit miteinander verknüpften Gesundheits-Gadgets bilden sie die Grundlage für völlig neue Geschäftsmodelle im Gesundheits- und Versicherungssektor. Aus einem auf Transaktionen basierenden Modell wird eines, das mit dem Kunden eine Beziehung aufbaut und ihm hilft, langfristig seine Gesundheit zu managen.

“Versicherer müssen aus der Erforschungsphase herauskommen.”

Wir sprechen hier zum Beispiel von personalisierter Ernährung, die eine Verknüpfung zwischen Nahrung, Tracking und fortschrittlicher Analyse-Technik beschleunigen kann. Es gibt schon so einige Versicherer, die solche Plattformen erforschen, sei es nun, indem sie sie selbst aufbauen oder indem sie sich mit einer existierenden Plattform verbünden und damit sofort auf deren Expertise zurückgreifen können. Die Herausforderung für Versicherer besteht nun darin, aus der Erforschungsphase herauszukommen und all das auch anzuwenden.

Redaktion: Da brauchen die Versicherer aber eine Menge Informationen von ihren Kunden.

Roger Peverelli: Hier kommen die Ökosysteme ins Spiel, also eine Verknüpfung von Versicherungskonzernen mit Gesundheitsdienstleistern. Verknüpfte Gesundheits-Geräte erlauben sowohl den Dienstleistern als auch den Versicherern eine erhöhte Reichweite und mehr Interaktionen mit den Kunden. Sollten diese Daten mit allen Teilhabern geteilt und bestmöglich genutzt werden, haben sie das Potenzial, die Art der Arbeit selbst vollkommen zu verändern. Auf diese Weise wird das Gesundheitswesen effizienter, kostengünstiger und für die breite Gesellschaft zugänglicher. Die Anwendung von verknüpften Geräten, Telemedizin und fortgeschrittenen Algorithmen verbessern die Versorgung von Patienten. Gleichzeitig verringern sie die Summe der Kosten im gesamten Ökosystem. Was enorm wichtig ist, denn in den meisten westlichen Ländern können die aktuellen Gesundheitssysteme nicht überleben – die überalternde Bevölkerung kann die stets wachsenden Kosten nicht stemmen.

“Das große Stichwort beim Datensammeln ist Gegenseitigkeit.”

Redaktion: Sie haben den Austausch von Daten erwähnt. Das soll in der “neuen” Versicherung ein großer Faktor sein. Wie können Versicherer hier Kritik vorbeugen?

Roger Peverelli: Wir glauben, dass Privatsphäre ein grundlegendes Recht ist. Ja, die Nutzung von Kundendaten kann durchaus Bedenken auslösen. Das große Stichwort ist “Gegenseitigkeit”. Kunden nehmen die Verwendung ihrer Daten durch Versicherer anders wahr, wenn die Versicherer diese Daten dazu nutzen, um ihnen mehr Kontrolle und etwas Sinnvolles dafür anzubieten. Ein Versicherer, der eine transparente Beziehung zu seinen Kunden anstrebt, sollte für die gesammelten Informationen etwas herausgeben, das für Kunden einen Gegenwert schafft und diesen weiterhilft. Es geht darum, mehr zu geben als man nimmt.

Redaktion: Wie schnell kann ein Versicherer ein solches Modell einführen?

Roger Peverelli: Das kommt darauf an. Versicherer müssen den Kunden sowohl über die Vor- aber auch über die Nachteile aufklären, die sich aus dem Sammeln der Daten ergeben. Das ist bisher nicht ausreichend passiert. Hierbei müssen sie geduldig sein, Kunden nach und nach daran gewöhnen. Wenn sie das geschafft haben, sollten die Kunden der Datennutzung aktiv zustimmen. Sie sollten außerdem in der Lage sein, den Versicherer von der Datennutzung abzuhalten. Immerhin sind es ihre Daten.

“Das traditionelle Vertriebsmodell ist nicht wettbewerbsfähig.”

Redaktion: Was sind die größten “digitalen Schwächen” der Versicherer und wie können sie diese schließen?

Roger Peverelli: Der Lockdown hat einige Schwächen in traditionellen Modellen offengelegt. Das traditionelle Vertriebsmodell erwies sich als nicht wettbewerbsfähig oder nachhaltig. Außerdem war es zu langsam und konnte sich nicht schnell an die sich verändernden Rahmenbedingungen und eine weniger physische Welt anpassen. Die digitalen Modelle dagegen haben sich als sehr widerstandsfähig und erfolgreich in diesen schwierigen Zeiten herausgestellt. Im Grunde hat die Corona-Krise die Lücke zwischen digitalen “Anführern” und den Hinterherhinkenden gezeigt. Diese Entwicklung gab es schon und ist keineswegs neu, doch in der Krise hat sie sich beschleunigt. Die Versicherungswirtschaft muss digitaler werden.

Die gute Nachricht ist, dass nun viele Entscheider der Branche realisieren, dass es von größter Bedeutung ist, digital zu sein. Die Krise ist wie ein Weckruf. Einfache digitale Produkte, Online-Services und ein digitales Kundenerlebnis zu niedrigeren Kosten, bessere Verknüpfung – all das ist essenziell für langfristiges Wachstum. Für viele ist das sogar überlebenswichtig. Einfach nochmal den “Schlummern”-Button zu drücken, ist keine Option mehr. Hier kommen InsurTechs ins Spiel – sie können bei der Beschleunigung helfen. Alldem werden wir Ende Oktober auf der DIA Amsterdam größte Aufmerksamkeit schenken.

“Versicherer sollten darauf abzielen, ihren Kunden mit der Hilfe ihrer Daten “Superkräfte” zu verleihen.”

Redaktion: Missinformation und Ungewissheit kursieren in der Corona-Krise. Welche Möglichkeiten bieten sich hier für Versicherer?

Roger Peverelli: Die meisten Leute wollen in allen Bereichen ihres Lebens die richtigen Entscheidungen treffen. Das ist aktuell wichtiger als je zuvor. Wenn es eine wachsende Anzahl unzuverlässiger Informationsquellen gibt, brauchen Kunden eine vertrauenswürdige Quelle, die ihnen Anleitung anbietet. Das Sammeln von Daten erlaubt den Versicherern, ihren Kunden bei der Verbesserung ihres Lebens zu helfen, indem sie aus ihrem Datensatz umsetzbare Erkenntnisse ziehen und daraus Feedback erstellen. Zum Beispiel können sie eine Justierung des Verhaltens vorschlagen, sofern sie Schäden an der Gesundheit des Kunden prognostizieren. Versicherer sollten darauf abzielen, ihren Kunden mit der Hilfe ihrer Daten “Superkräfte” zu verleihen. Wir denken da zum Beispiel an Speech-to-Speech-Übersetzer, die das Lernen anderer Sprachen obsolet machen. Oder an GPS-Systeme, die dabei helfen, den Weg zu finden, auch wenn man den Weg nicht kennt.

Unsicherheit bedeutet auch, dass Sicherheit und Verlässlichkeit wichtiger sind denn je. Kunden wollen weniger Risiken eingehen als vorher. Dementsprechend sind sie mehr an Schutz interessiert. Versicherer haben die Chance, ihr Gefühl für Sicherheit zu bestätigen. Der Wirtschaftsabschwung hat für einen erhöhten Bedarf an einfach zu verstehenden, transparenten und kosteneffizienten Versicherungsprodukten gesorgt. Die Lösung sind Produkte, bei denen der Kunde nur das zahlt, was er wirklich nutzt. “On demand”-Autoversicherungen sind bereits Mainstream – wir erwarten, ähnliche Lösungen auch für andere Versicherungskonzepte zu sehen. Bsurance, Moonshot-Internet und ZhongAn beschäftigen sich bereits damit.

Redaktion: Herr Peverelli, vielen Dank für die interessanten Einblicke!

Roger Peverelli: Sehr gern.

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Titelbild: ©durantelallera/ stock.adobe.com, Beitragsbild: DIA

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