Nur wenige Leute verstehen sie. Dabei ist sie gefühlt in aller Munde. Kein Wunder, wird ihr doch nachgesagt, sie habe das Potenzial unsere Welt nachhaltig zu verändern. Die Rede ist von der Blockchain. Die Technologie steckt hinter Bitcoin und diversen anderen Kryptowährungen wie Ether oder Litecoin. Wie die Blockchain funktioniert, hat mein Kollege Nikita Mitryaev hier sehr anschaulich erklärt. Auch erste Entwicklungen in der Versicherungsbranche zeigte er auf. Aber was kann die Blockchain noch? Ist der Hype schon wieder vorbei? Braucht die Blockchain noch zehn Jahre, bis sie sich durchgesetzt hat? Das prognostizieren die Berater von Gartner zumindest.

Bye, Bye, Versicherungspolice?

Ein deutsches Unternehmen tritt den Gegenbeweis an: RYSKEX. Die Berliner stellen dabei ein grundlegendes Prinzip der Versicherungsbranche in ihren Fokus: den Risikotransfer. Also die Übertragung eines oder mehrerer Risiken von einer Partei zu einer dritten Partei. Im Regelfall zu einem Versicherer. Der geschieht bei RYSKEX aber nicht über die klassische Police, sondern über eine eigene, auf der Blockchain basierende Plattform, auf der Smart Contracts zwischen den Teilnehmern abgeschlossen werden.

Das RYSKEX Ökosystem im Überblick
Das RYSKEX Ökosystem im Überblick

Dabei tritt RYSKEX aber nicht selbst als Risikoträger in Aktion. Stattdessen bietet die Plattform Kunden die Möglichkeit, individuell Risiken und einen Absicherungswunsch zu formulieren und passende Risikoträger zu suchen. Kommt die Transaktion zustande, wird diese in der Ethereum-Blockchain gespeichert und der Risikoträger erhält dafür eine Prämie. Diese hängt davon ab, wie viel der Policyholder, also der Anbieter des Risikos, im Vorfeld bereit war zu zahlen. Er bestimmt ein Minimum und ein Maximum an Prämie.

Wer mitspielen will, braucht Garantien

Damit es kein böses Erwachen gibt, müssen der Risikoträger und der Policyholder im Vorfeld nachweisen, dass sie ihre Versprechen auch halten können. Also die Deckungssumme, beziehungsweise die Prämie, tatsächlich zahlen können. Dafür müssen sie entweder eine Bankbürgschaft vorweisen oder das Kapital direkt in das System einzahlen. Dieses Kapital wird über verschiedene mögliche Modelle gemanagt. Dafür hat RYSKEX Partner, die im Hintergrund stehen und dafür Sorge tragen.

Neue Risiken erfordern neue Methoden

„Theoretisch kann jedes Risiko über unser System abgesichert werden“, erklärt Chief Marketing Officer Tatjana Winter im Gespräch mit NewFinance. Darunter fielen ganz klassische Risiken wie „Wasser und Feuer, aber auch und insbesondere neuartige Risiken“, führt Winter aus. Der viel  diskutierte Bereich Cyber fällt beispielsweise darunter. Bisher fehlten den Versicherern noch die Ideen, wie den Schäden und ihrer Kalkulierung beizukommen sei. „Das liegt daran, dass Auswirkungen und Folgeschäden so gut wie gar nicht abzusehen sind“, so Winter.
Tatjana Winter, CMO bei RYSKEX
Tatjana Winter, CMO bei RYSKEX

“Bisher fehlen den Versicherern noch die Ideen, wie den Schäden und ihrer Kalkulierung beizukommen ist.” – Tatjana Winter, CMO RYSKEX

Cyberschäden erreichen außerdem schnell schwindelerregende Höhen. Aus Winters Sicht sei der deutsche Versicherungsmarkt derzeit kaum dazu in der Lage, solche Summen überhaupt abzubilden. Deshalb bietet RYSKEX neben Versicherern auch anderen Akteuren die Möglichkeit, Risiken abzusichern. Und zwar weltweit. „Wenn ein deutsches Unternehmen einen Risikoträger sucht, ihn aber in Deutschland nicht findet, dann vielleicht alternativ in Asien. Das ist die Idee. Und da über uns keine Versicherungen gehandelt werden, sondern Risiken, profitieren vor allem deutsche Unternehmen davon, dass die Versicherungssteuer entfällt“, fügt Winter hinzu.

Verträge vereinfachen

Ähnlich wie bei den bekannten syndizierten Verträgen, bei denen mehrere Versicherer einen Teil des Risikos absichern, können auch hier mehrere „Risktaker“ beteiligt sein. RYSKEX verfolgt einen anderen Ansatz: „Bei syndizierten Verträgen schließt der Kunde mit jedem Versicherer einen eigenen Vertrag. Grundsätzlich ähneln sich diese zwar, können sich aber im Wording durchaus unterscheiden.“ Bei RYSKEX hingegen, so Winter, „schließen nur der Leadrisktaker (Hauptrisikoträger) und der Risikoanbieter einen Vertrag und stimmen diesen miteinander ab.“ Wie wird ein Unternehmen zum Leadrisktaker? Das Ganze funktioniere „ähnlich einer offenen Auktion“, wobei der Policyholder sich einen Leadrisktaker aussuche.

„Alle weiteren Risikoträger müssen dem ausgehandelten Wording zustimmen, wenn sie sich an der Transaktion beteiligen möchten. Das bedeute auch, dass anders als bei syndizierten Verträgen, nur ein Gutachten im Schadensfall erstellt werde. Die Zeit bis zur Auszahlung würde damit signifikant verkürzt“, ergänzt Winter.

Messbare Risiken als neuer Ansatz

Der Hauptgrund für die Verwendung von Blockchain ist aber nicht nur die lückenlose, verschlüsselte Dokumentation der Transaktionen. Das Schlagwort lautet parametrische Versicherungen, beziehungsweise Risiken. Wie die Fizzy-Police der AXA setzt auch RYSKEX auf die Möglichkeit, Schadenfälle automatisch über konkret messbare Indikatoren abzuwickeln. Etwa Hagelfall pro Quadratmeter. Messen angeschlossene Sensoren eine festgelegte kritische Menge, erhält der Policyholder automatisch seine Versicherungssumme. Ohne Schadengutachten oder ähnliches. Dafür sorgt die Blockchain. Die Auszahlung von Risktaker an Policyholder erfolgt unmittelbar in Ryskcoins. Die interne Währung des Systems soll bei globalen Transaktionen Währungsproblemen vorbeugen.

Noch in den Kinderschuhen

Auf die Frage, welche Erfahrungswerte man bisher mit der Erprobung des Systems gesammelt habe, kann Winter nur eine kurze Antwort geben: „Wir sind im Juni live gegangen und haben bisher einen Kunden. Zur Abwicklung von Schadensfällen können wir also noch nichts sagen“, so Winter. Der erste Kunde ist ein Captive, also Eigenversicherer eines größeren Unternehmens. Das sei auch die Hauptzielgruppe für RYSKEX, bestätigt Winter.

Energiefresser Blockchain

Einen Nachteil hat das System aber dennoch. Wir erinnern uns: Blockchain-Anwendungen haben ein Energieproblem, oder vielmehr: Sie sind ein Energieproblem. Nach einer ungefähren Berechnung aus 2017 verbraucht das gesamte Ethereum Netzwerk jährlich 4,2 Terawattstunden Energie. Das liegt über dem Energieverbrauch von Zypern. Darum weiß auch RYSKEX und verweist in Hinblick auf den enormen Energieaufwand der Ethereum-Blockchhain auf die bevorstehende Umstellung auf ein Proof-of-Stake System, welches den Energieverbrauch deutlich senken soll.

Eine Frage der Perspektive

 Wie schätzt RYSKEX die Entwicklung am Markt ein? „Unsere Gesprächspartner, darunter auch große deutsche Rückversicherer, spiegeln uns, dass Blockchain aktuell ein dominantes Thema ist. Viele haben das Gefühl, dass sie die Technologie nutzen müssen“, erklärt Winter. Was RYSKEX von den zahllosen Blockchain Ventures unterscheide, sei dabei die Perspektive: „Wir haben versucht, eine Lösung für Probleme der Versicherungswirtschaft zu finden. Diese haben wir in der Nutzung der Blockchain ausgemacht. Viele andere Unternehmen nutzen Blockchain als Selbstzweck.“

„Wir haben versucht, eine Lösung für Probleme der Versicherungswirtschaft zu finden. Diese haben wir in der Nutzung der Blockchain ausgemacht. Viele andere Unternehmen nutzen Blockchain als Selbstzweck.“ – Tatjana Winter, CMO von RYSKEX

Die Zukunft der Assekuranz?

Es bleibt abzuwarten, wie die Marktakteure RYSKEX aufnehmen. Letztlich steht und fällt das System mit der Zahl der Teilnehmer. Es kann nur funktionieren, wenn Transaktionen auch tatsächlich zustande kommen. Das ist nicht zuletzt eine Frage des Vertrauens in die neue Technologie. „Wir glauben, dass die Eintrittsbarriere wegen der Aktualität von Blockchain nicht allzu hoch liegt“, prognostiziert Winter hoffnungsvoll. Es bleibt in jedem Fall spannend. Denn das Konzept ist aus Sicht von RYSKEX zwar insbesondere für Unternehmen und ihre Captives gedacht. Aber grundsätzlich könnte die Idee auch in der Personenversicherung zum Einsatz kommen. Das wäre revolutionär.

Titelbild: © phive2015 / fotolia.com ; Beitragsbilder: © RYSKEX

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