Der BGH hat in einem aktuellen Urteil eine Klausel in den Bedingungen eines Versicherers für ungültig erklärt: die Schreibtischklausel. Was bedeutet das eigentlich? Denn die Auswirkungen auf den Versicherungsschutz bei Berufsunfähigkeit wären enorm. Deshalb hat das Gericht auch so entschieden.

Mathias Helberg, Versicherungsmakler aus Osnabrück mit preisgekröntem Blog, schreibt dazu: Wo „Berufsunfähigkeitsversicherung“ drauf steht, muss auch eine Berufsunfähigkeitsversicherung drin sein – so könnte man das Urteil IV ZR 91/16 vom 15.02.2017 des BGH zur sogenannten „Schreibtischklausel“ betiteln.

Die verwirrende Schreibtischklausel

Im BGH-Urteil geht es konkret um diese Formulierung: “Als versicherter Beruf im Sinne der Bedingungen gilt die vor Eintritt des Versicherungsfalls zuletzt konkret ausgeübte Tätigkeit mit der Maßgabe, dass sie zu mindestens 90 Prozent als Schreibtischtätigkeit in Büro, Praxis oder Kanzlei ausgeübt wird. Im Falle einer BU-Leistungsprüfung erfolgt die Bemessung der Berufsunfähigkeit ausschließlich auf dieser Basis.” Diese Klausel sei intransparent und daher ungültig, entschied das Gericht.

Kann denn ein Versicherer verlangen, dass man vorwiegend sitzt, wenn man arbeitet? Im Prinzip schon, wenn hier eine bestimmte Tätigkeit versichert ist. Und die muss man sowieso angeben, wenn man sich auf Berufsunfähigkeit versichern will. Bietet einem aber ein Versicherer diese Klausel an, wenn man unter Beruf “Baggerführer” oder “Maurer” angegeben hat, stiftet das Verwirrung.

Und um genau das ging es: Diese spezielle Klausel in einem Vertragsangebot mit niedrigerem Beitrag war verwirrend und wich von den üblichen Bedingungen ab. Und auf die Gefahr, dass dabei eine Lücke in der Versorgung entstehen könnte, war nicht ausdrücklich genug hingewiesen worden.

Was Ihr sonst noch wissen müsst

Berufsunfähigkeit ist – so unangenehm es ist, darüber nachzudenken – ein wirklich wichtiges Thema. Und wer bei der Formulierung schon aussteigt, weil sie sich zu sehr nach Ermahnung anhört, der schaut sich am besten mal das Video an. Und macht sich klar, dass der Staat inzwischen wenig bis gar nichts mehr tut, wenn man berufsunfähig wird. Leider glaubt noch die Hälfte aller Bundesbürger, dass der Staat hilft. Und sorgt deshalb privat nicht vor.

Wichtig: Genau ausrechnen, wie hoch die Versicherungssumme beziehungsweise die monatliche BU-Rente ausfallen muss, damit der Lebensstandard annähernd gehalten werden kann.

Zwei wirklich wichtige Klauseln

  1. Nachversicherungsklausel: Wenn das Leben sich ändert, das Einkommen steigt oder Kinder dazu kommen, muss oder will in der Regel auch die Versicherungssumme angepasst werden. Das sollte bei der Versicherung der Wahl möglich sein – und zwar ohne erneute Gesundheitsprüfung.
  2. Verzicht auf abstrakte Verweisung: Das ist ein Muss! Der Versicherer muss ausdrücklich darauf verzichten. Sonst ist die Aufnahme einer anderen Tätigkeit nach Eintritt einer Berufsunfähigkeit Pflicht. Das heißt, dass ich vielleicht nicht mehr als Goldschmied arbeiten kann, wenn meine Hände zu stark verletzt sind, aber vielleicht noch als Briefträger oder in einem Call-Center.  Und das muss ich dann auch.

Wer wird schon berufsunfähig?

Berufsunfähig werden kann jeder in jedem Alter. Bedeutet also, dass 43 Prozent aller Männer im Alter von 20 bis 30 Jahren berufsunfähig werden. Das ist eine erschreckend hohe Zahl.

Welche Absicherung ist die beste?

Die umfassendste Absicherung ist sicher eine Berufsunfähigkeitsversicherung. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte ist: Es bekommt sie nicht jeder, und nicht von jeder Versicherung. Denn die Berufe werden in Risikogruppen eingeteilt, Vorerkrankungen mit einkalkuliert. Der Versicherer entscheidet dann, ob er einen Antrag annimmt oder nicht. Wichtig ist, dass eine Voranfrage anonym erfolgen kann. Und manchmal ist auch einfach die monatliche Rate für die Risikogruppe so hoch, dass sie schlicht nicht bezahlbar ist.

Dann stehen andere Absicherungen für die Arbeitskraft zur Verfügung: eine Dread-Disease-Versicherung, die im Falle von schwerer Krankheit greift. Eine Erwerbsunfähigkeitsversicherung, die unabhängig vom Beruf dann zahlt, wenn man weniger als drei Stunden in seiner vorherigen Tätigkeit arbeiten kann. Die Grundfähigkeitsversicherung versichert grundlegende körperliche Fähigkeiten wie Treppensteigen oder Lastenheben. Sie leistet, wenn das nicht mehr geht, gestaffelt nach prozentualem Verlust. Dann gibt es noch Multi-Risk-Policen, die mehrere Risiken absichern und eine Rente zahlen. Vor allem die beiden letzteren werden von jeder Versicherung unterschiedlich gestaltet. Es kommt also nicht nur auf die monatliche Rate, sondern auch sehr auf die unterschiedlichen Bedingungen und Ausschlüsse an.

Eine professionelle Beratung ist für die Berufsunfähigkeitsversicherung eine gute Idee. Wer sich schon einmal vorab genauer informieren möchte, um seinem Berater die richtigen Fragen zu stellen, findet beim Bund der Versicherten eine einfach Übersicht über das, was wichtig ist.

Titelbild: ©Kisa_Markiza/Fotolia

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