Ärzte haben offensichtlich zu wenig Zeit. Jeder fünfte Deutsche, der in den vergangenen fünf Jahren in fachärztlicher Behandlung war, musste einen Monat oder länger auf einen Termin warten. Zu diesem Ergebnis kommt die aktuelle Studie “Gesundheitsversorgung 2016” der pronova BKK. Mit nur einem Klick könnte dieses Problem angegangen werden, nämlich dann, wenn der Patient über eine elektronische Akte verfügt. Auf einen Blick wäre sichtbar, welche Medikamente regelmäßig genommen werden und ob chronische Erkrankungen vorliegen. Doch fürchten sich viele Patienten davor, diese Daten digital für Ärzte verfügbar zu machen. Grund ist die Angst vor Datenmissbrauch.

Das sind die Vorteile

“Sie verbessert die Versorgung durch die Nutzung entscheidungsunterstützender Systeme und kann unnötige (Doppel-) Untersuchungen und Folgehandlungen reduzieren“, so die Stiftung Münch in einer aktuellen Studie

Die Stiftung Münch hat im Hinblick auf die deutsche Situation eine Studie zur elektronischen Patientenakte im Ausland durchgeführt. In Schweden, Dänemark und Estland ist die elektronische Patientenakte, kurz ePa, bereits erfolgreich eingeführt worden und kann so als Vorbild für eine deutsche Umsetzung dienen. Die Digitalisierung der Gesundheitsinformationen soll die Arbeit von Ärzten und ihren Hilfskräften effektiver und effizienter machen. Sind beispielsweise alle Medikamente, die ein Patient einnimmt auf einen Blick aufgelistet, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass weitere Medikamente verordnet werden, die mögliche Wechselwirkungen auslösen.

Alles auf einen Blick

Zusammengefasst bedeutet eine elektronische Patientenakte für Ärzte und Patienten: Es bleibt mehr Zeit für Untersuchungen. Eventuelle chronische Erkrankungen müssen neuem medizinischen Personal nicht immer wieder vorgestellt werden, sie sehen sie direkt selbst. Die Verordnung von Medikamenten kann optimiert werden und auch Allergien und Unverträglichkeiten sind auf einen Blick für den Behandelnden sichtbar und werden bei der Diagnose berücksichtigt. Zudem könnten Informationen zur Blutgruppe oder zum aktuellen Impfstatus abgespeichert werden. Verletzt sich ein Patient, können Ärzte so sehen, ob eine Tetanusimpfung nötig ist. Angaben darüber ob eine Patientenverfügung oder ein Organspendeausweis vorliegen, sorgen besonders in Notfällen dafür, dass umgehend der eigene Wille erfolgen kann. All das spart den Patienten auch Kosten.

Sind das Nachteile?

Was für viele gegen die elektronische Patientenakte spricht, ist genau das, was sie ausmacht – die Digitalisierung. In Dänemark, in der die ePa bereits seit 20 Jahren gängige Praxis ist, lagen erst vor kurzem der chinesischen Visumstelle in Kopenhagen ungewollt zwei CDs mit sensiblen Gesundheitsdaten der Bevölkerung vor, berichtet Die Welt. Trotzdem setzt das Land weiter auf Elektronik und sorgt lieber für eine Verbesserung des Datenschutzes als für einen Rückschritt zur analogen Datensammlung.

Eine weitere Furcht vor der Digitalisierung der Krankengeschichte ist, dass der Arbeitgeber Einsicht in die Daten bekommen könnte. Kritiker der elektronischen Patientenakte sorgen sich, dass so Nachteile entstehen. Es ist in Deutschland explizit nicht vorgesehen, die Daten für Dritte sichtbar zu machen. Die elektronische Patientenakte soll ausschließlich für medizinisches Personal, die Krankenkasse und den Patienten selbst zur Verfügung stehen.

Die Bundesrepublik beugt vor

Deutschland sorgt in puncto digitaler Sicherheit bereits mit dem E-Health-Gesetz vor. „Mit dem E-Health-Gesetz treiben wir den Fortschritt im Gesundheitswesen voran. Dabei stehen Patientennutzen und Datenschutz im Mittelpunkt“, versichert Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe. „Bis Mitte 2018 sollen Arztpraxen und Krankenhäuser flächendeckend an die Telematik-Infrastruktur angeschlossen sein“, schreibt das Bundesgesundheitsministerium. Konkret bedeutet das, dass Arztpraxen und Krankenhäuser künftig Patientendaten digital miteinander austauschen können. Der Patient soll selbst auch auf seine Daten zugreifen und die abgespeicherten Daten auf der eigenen Gesundheitskarte am Computer ansehen können, so Die Welt.

Um die elektronische Patientenakte anwenderfreundlich in Deutschland zu etablieren, ist es besonders wichtig, die Patienten darüber zu informieren, wo ihre Daten gespeichert werden und was für die Sicherheit dieser geleistet wird. So können am Ende Ärzte und Patienten profitieren und die Versorgung optimieren.

Die Vorteile im Überblick:

  • Vermeidung von unnötigen Untersuchungen
  • Mögliche Wechselwirkungen von Medikamenten werden schneller sichtbar
  • Das Erläutern von Vor- oder chronischen Erkrankungen entfällt für den Patienten
  • Mehr Zeit bei der Untersuchung
  • Schneller Zugriff auf Informationen wie Impfstatus oder Blutgruppe in Notfällen
  • Vermeidung von Antibiotikaresistenzen

Titelbild: © okanakdeniz

Ihre Meinung zu diesem Beitrag?

Please enter your comment!
Please enter your name here