Der Kauf und Gebrauch von GPS-Trackern, Smartwatches, Pulsmessern und Schrittzählern kann sich für Versicherte durchaus lohnen: Einige Versicherer belohnen gesundheitsbewusstes Verhalten seit neuestem mit Rabatten beim Kauf solcher Wearables. Dazü gehört beispielsweise auch die Apple Watch. In den USA ist es bei einigen großen Arbeitgebern wie dem Ölkonzern BP und Versicherern wie der UnitedHealth Group schon länger in den Unternehmensalltag integriert. Nun prüfen auch immer mehr deutsche Versicherer die Einführung von solchen Angeboten. Aber längst nicht jede Krankenkasse plant, hier mitzuziehen. Aus datenschutzrechtlicher Sicht ein nachvollziehbares Verhalten?

Gehört hat den Begriff “Wearable” mittlerweile wohl jeder schon einmal, aber welche Tools und Gagdets gehören dazu? Die AOK Nordost erstattet einmal in zwei Jahren maximal 50 Euro beim Kauf eines Wearables. Auch die DKV fördert in manchen Tarifen den Kauf einer Smartwatch oder eines Fitnessarmbands mit 50 Euro pro Versichertem. Die Generali will im Rahmen des „Vitality Programms“ Kooperationen mit Sportartikelherstellern und anderen Firmen eingehen und belohnt gesundheitsbewusstes Verhalten in diversen Versicherungssparten. Die Barmer GEK bezuschusst den Erwerb von Wearables zwar nicht, bietet aber eine App, deren Nutzung sich Versicherte im Bonusprogramm gutschreiben lassen können. Ähnlich plant es die IKK gesund plus: Der reine Kauf von Fitnesstrackern soll nicht bezuschusst werden, doch die Belohnung von nachweisbaren Aktivitäten der Versicherten über eine App wird aktuell geprüft. Auch die Techniker Krankenkasse bezuschusst den Kauf nicht. Sie will aber ihr Bonusprogramm auf Wearables ausweiten. Viele weitere Krankenkassen prüfen derzeit die Einführung ähnlicher Angebote. Viele lehnen die Bezuschussung grundsätzlich ab. (Quelle: Spiegel Online, Zuschuss für Wearables: Die Kasse trainiert mit, 07.08.2015)

Datenschutz nur bei gesetzlich Versicherten

Viele Versicherer sind gegen die Einführung solcher Bonusprogramme. Grund dafür ist vor allem die datenschutzrechtlich bedenkliche Lage. So warnt beispielsweise Andrea Voßhoff, Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit, vor dem Einsatz von Fitness-Apps durch die Krankenkassen. Die mit Versicherungstarifen dieser Art angebotenen Vorteile klängen zwar gerade für gesunde und junge Menschen sehr verlockend. Sie erfassen aber sehr sensible Gesundheitsdaten wie Herzfrequenz, Trainingszustand, Essverhalten oder die komplette Krankengeschichte.

Immer mehr Krankenkassen zeigen Interesse am Einsatz derartiger Anwendungen. Allen Anwendern, die Fitness-Apps freiwillig herunterladen, rate ich, nicht unbedacht mit ihren sensiblen Gesundheitsdaten umzugehen und die kurzfristigen finanziellen Vorteile, welche die Datenoffenbarung vielleicht mit sich bringt, gegen die langfristigen Gefahren abzuwägen.

Andrea Voßhoff

Zwar sei auch bei den gesetzlichen Krankenkassen wachsendes Interesse an den Fitness- und Gesundheitsdaten ihrer Versicherten zu beobachten, diese dürfen jedoch nur in gesetzlich festgelegten Fällen personenbezogene Daten ihrer Versicherten erheben. Bei den privaten Krankenversicherungen ist die Lage anders. „Die Mitglieder gesetzlicher Kassen sind durch Gesetz vor der unbedachten Preisgabe sensibler Daten und den damit verbundenen unabsehbaren Folgen geschützt. Der Gesetzgeber sollte erwägen, diesen Schutz auch den Versicherten privater Kassen zu gewähren“, so Andrea Voßhoff. Krankenkassen oder andere Anbieter dürfen also nur über Bewegungsmuster, BMI und Co. erfahren, wenn der Betroffene dieser Weitergabe ausdrücklich einwilligt.

Digitalisierung versus Solidaritätsprinzip

Neben dem datenschutzrechtlichen Aspekt spielt auch das Gemeinschaftsprinzip der Versicherer eine nicht zu vernachlässigende Rolle. Das Solidaritätsprinzip der gesetzlichen Versicherer besagt, dass die Versicherung jeden aufnimmt und die Kosten des einzelnen von allen gemeinsam übernommen wird. Nach und nach könnte die Solidargemeinschaft durch die voranschreitende Digitalisierung der Gesundheitsdaten und die Bezuschussung einer gesunden Lebensweise in den Hintergrund rücken. Man versetze sich in die Wahl der Sportmannschaften in der Grundschule zurück: Kevin? Der kann nicht schnell rennen, den wählen wir nicht. Und Luisa hat mit dem Ball noch nie getroffen, die zieht nur den Durchschnitt runter. Die Schwachen bleiben zurück. Dass aber nicht jeder Mensch der Digitalisierung in dieser leistungsoptimierenden Form gewachsen sein wird, dürfen wir nicht vergessen.

Und wenn aus der Chance, eine der über tausend gesundheits- und leistungsbezogenen Apps zu nutzen, um von Vergütungen zu profitieren, irgendwann eine Pflicht wird, um durch unzureichende Leistung nicht in teure Tarife zu rutschen, entsteht eine Welt, in der man eine Textnachricht von seiner Zahnbürste bekommt, dass man innerhalb der nächsten zehn Minuten die Zähne putzen muss, um nicht seine Zahnzusatzversicherung zu verlieren.

Sascha Lobo, S.P.O.N. – Die Mensch-Maschine: Bevormundet durch die Zahnbürste

Titelbild: © Kaspars Grinvalds


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