Als ob es nicht schon schwer genug wäre, sich allein um die Kinder zu kümmern. Nach dem Tod eines Elternteils – oder weil dieser sich schlichtweg vom Acker gemacht hat. Zur Trauer und zum Verlust kommen wirtschaftliche Schwierigkeiten hinzu, die man und meistens frau, kaum alleine bewältigen kann. Erst krebst man auf einem Teilzeitgehalt rum, das fast nicht zum Überleben reicht, schon gar nicht mit zwei Grundschulkindern. Und dann, wenn man es endlich aus dem Tal geschafft hat, schlägt die Steuer zu.

In Deutschland müssen Alleinerziehende bei einem Armutsrisiko von 43 Prozent auch noch mit einer durchschnittlichen Steuerlast von 31 Prozent kämpfen. Deutschland liegt damit an Platz 5 der aktuellen Auswertung der OECD. In Irland dagegen liegt der Steuersatz für Alleinerziehende bei -18,8 Prozent, in Worten MINUS achtzehn Komma acht Prozent.

Hohe Belastung für Geringverdiener

Die EU-Kommission hat der Bundesregierung erst im März vorgeworfen, sie würde die Armut in Deutschland vergrößern. “Trotz der günstigen Arbeitsmarktergebnisse haben Armut und soziale Ausgrenzung in den letzten Jahren zugenommen,” und “Die Steuer- und Abgabenbelastung von Geringverdienern zählt nach wie vor zu den höchsten in der EU,” heißt es wörtlich im Bericht.

Im Februar titelte der Stern: “Wie der Staat Alleinerziehende abzockt”. Eine alleinerziehende, verwitwete Mutter hatte gegen ihre Steuerlast geklagt. Denn bei der Einkommenssteuererklärung fiel das Ehegattensplitting weg. Auf einmal musste sie 42 statt 35 Prozent Steuern zahlen – trotz alleiniger Belastung. Und Belastung bedeutet auch die Zeit, die einem Alleinverdiener für die Kinderbetreuung und alles, was damit zusammenhängt, übrig bleibt.

Bedrohung durch Altersarmut

Neun von zehn Alleinerziehenden sind Frauen. Oft haben sie schon während der Ehe in Teilzeit gearbeitet oder ganz ausgesetzt. Auch dabei liegt Deutschland weit vorne im internationalen Vergleich. Frauen tragen hierzulande viel weniger zum Haushaltseinkommen bei als zum Beispiel in Skandinavien. Macht der Beitrag der Frauen in Deutschland lediglich 22,4 Prozent aus, so ist es in Dänemark fast das Doppelte (42 Prozent). Denn vor allem in den alten Bundesländern herrscht die Auffassung vor, dass Mütter, wenn überhaupt, nur Teilzeit arbeiten sollten.

Einfache Rechnung: Niedrige Einkommen und kurze Anrechnungszeiten ergeben geringe Rentenansprüche. Und erhöhen das Risiko, im Alter auf Grundsicherung angewiesen zu sein. Die trägt aber wieder die Allgemeinheit aus Steuergeldern.

Wenn Vater nicht zahlt, zahlt Vater Staat

Sigmar Gabriel beim SPD-Bundesparteitag 2015 in Berlin

“Es ist ein Skandal, dass drei Viertel der Kinder allein erziehender Mütter keinen oder zu geringen Unterhalt vom Kindesvater bekommen. Auch mein Vater hat sich geweigert, meiner Mutter Unterhalt zu zahlen – für meine Schwester und für mich. Das war ein beständiger Kampf, der meine Mutter bis an die Grenzen ihrer Kraft gebracht hat.” Sigmar Gabriel, damaliger SPD-Parteivorsitzender, gegenüber der “Bild” im August 2016.

2016 zahlte der Staat 843 Millionen Euro Unterhaltsvorschuss. Mit dem, was er sich bei zahlungsunfähigen oder -unwilligen Vätern zurück holen konnte, bleiben für den Steuerzahler immerhin 650 Millionen Euro übrig. Und das, obwohl Mütter bis jetzt diesen Vorschuss nur bis zum 12. Lebensjahr eines Kindes beantragen konnten. Ab 01. Juli 2017 soll es diesen Vorschuss nach einer Gesetzesänderung geben, bis das Kind 18 Jahre alt ist. Das bedeutet zusätzliche 350 Millionen Euro aus dem Steuertopf.

Reformen dringend notwendig

2016 erregte eine Studie der Stiftung Bertelsmanns die Gemüter. Auch hier ging es um “Alleinerziehende unter Druck.” In ihrem Policy Brief empfiehlt die Stiftung folgende Änderungen:

  • wirksame Durchsetzung des Unterhaltsanspruchs bei Zahlungsunwilligkeit
  • höhere Leistungen des Staats bei Zahlungsunfähigkeit
  • Vereinfachung der rechtlichen Grundlagen (“Leistungsgeflecht aus Grundsicherung, Mehrbedarfszuschlag, Kinderzuschlag, Wohngeld, Unterhaltsvorschuss etc.”
  • Förderung qualifizierter Beschäftigung oder Weiterbildung Alleinerziehender durch das Jobcenter
  • hochwertige ganztägige Kinderbetreuung
  • ein neues Konzept der Existenzsicherung von Kindern

In Stuttgart formiert sich gerade ein breites Bündnis gegen Altersarmut, das sich besonders für Alleinerziehende einsetzt. Man kann nur hoffen, dass es viele Nachahmer findet.

Irland: keine Lösung

Trotzdem ist das Auswandern – vor allem nach Irland – keine Lösung. Dort liegt das Risiko, zu verarmen, für Alleinerziehende noch höher, nämlich bei 50 Prozent, das Ergebnis extrem hoher Lebenshaltungskosten. In Schweden dagegen soll es nur die Hälfte betragen. Doch dort erschreckt die wachsende Kriminalität. Insbesondere die hohe Vergewaltigungsrate wird immer wieder diskutiert. Also doch lieber zu Hause bleiben?

Titelbild: © pure-life-pictures/Fotolia, Beitragsbild:© Olaf Kosinsky/Wikimedia

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